Oberstdorf – Knapp 8500 Kilometer Luftlinie liegen zwischen Pjöngjang und Oberstdorf, und eine solche Strecke legt man im modernen Flugverkehr locker innerhalb eines halben Tages zurück. Aber die Demokratische Volksrepublik Korea ist kein Land, das großen Wert auf internationale Anschlüsse legt, und wenn es seine Bürger ins Ausland entlässt, dann fällt nichts unter die Rubrik direkte Verbindung. Vier Tage brauchten Ryom Tae-ok und Kim Ju-sik, bis sie aus ihrer Heimat kommend im Allgäu gelandet waren, und auch der Rest war keine Kleinigkeit.
Ryom ist 18 Jahre alt und misst 151 Zentimeter. Sie ist daran gewöhnt, sich in der Luft zu drehen und aus zwei Meter Höhe auf einem Bein auf hartem Eis zu landen, denn sie ist Paarläuferin. Mit Kim, ihrem sieben Jahre älteren Partner, hatte sie sich auf den Weg gemacht, um im Allgäu bei der traditionsreichen Nebelhorn-Trophy einen Startplatz für die Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang/Südkorea zu erobern; ein anspruchsvolles Unternehmen, nicht nur wegen des Jetlags. Ryom und Kim sind keine weltfremden Athleten, die nie etwas anderes sehen als ihr Heimatland. Drei Monate lang übten sie im Sommer in Montreal beim renommierten kanadischen Paarlauf-Trainer Bruno Marcotte, aber trainiert wird in gewisser Weise immer hinter geschlossenen Türen.
Beim Wettbewerb in Oberstdorf hingegen standen die beiden auf der Bühne. Das kann wohl nicht anders sein, wenn sich in Zeiten größter Spannungen, ausgedrückt in verbalen Duellen und bilateralen Drohungen zwischen Nordkoreas Staatschef Kim Jong-un und US-Präsident Donald Trump, ein Paar aus Nordkorea für die Spiele in Südkorea qualifizieren will.
Bei den letzten Winterspielen 2014 am Schwarzen Meer in Sotschi war kein Athlet aus Nordkorea am Start, vier Jahre zuvor in Vancouver/Kanada waren ein Eiskunstläufer und eine Eisschnellläuferin dabei; allein daran erkennt man die Dimension der Aufgabe. Die „New York Times“, sonst eher nicht zu den Stammgästen eines Wettbewerbes wie der Nebelhorn-Trophy gehörend, hatte einen Reporter nach Oberstdorf geschickt, der nur an Ryom und Kim interessiert war.
Die beiden gaben ihr Bestes, sowohl auf dem Eis als auch hinter der Bande. Kim lächelte gewinnend und war die Freundlichkeit in Person. Die kleine Ryom wirkte ein wenig zurückhaltender und verschlossener, überraschte aber mit der forsch vorgetragenen Erklärung, eines Tages Weltmeisterin werden zu wollen, was auch Herrn Ri ein Lächeln entlockte. Ri Chol-un, gekleidet wie ein Weltmann und freundlich wie ein Diplomat, fungierte als Leiter der Delegation; er war überall und ließ die Läufer nie allein.
Bruno Marcotte kennt Herrn Ri aus der Trainingszeit mit dem Paar in Montreal, und er war voll des Lobes über die Zusammenarbeit. Er fand, alles habe prima funktioniert, das Paar habe er ohnehin ins Herz geschlossen. Nach der Kür umarmten sich zunächst die nordkoreanische Trainerin, Kim Hyon-son, und Marcotte, dann umarmten sich Marcotte und Herr Ri, und am Ende schienen alle glücklich und zufrieden zu sein. Nun sind Ryom und Kim die Ersten ihres Landes, die sich für die Spiele in Südkorea qualifiziert haben, aber ob sie im Februar tatsächlich in Pyeongchang starten werden, steht auf einem ganz anderen Blatt. Kim Hyon-son sagte dazu: „Das ist eine Entscheidung der Regierung. Wir können das nicht kommentieren.“ Aber sie bedankte sich ausdrücklich für die Unterstützung des deutschen Publikums, wie auch Paarläufer Kim, der zugab, er sei zuerst sehr nervös gewesen, aber der Beifall habe ihm von Anfang an sehr geholfen.
In Pyeongchang wurden die Nachrichten aus dem Allgäu freudig registriert. Die Nachrichten-Agentur AP zitierte Sung Baikyou vom Organisations-Komitee der Winterspiele mit den Worten, die erfolgreiche Qualifikation des Eiskunstlauf-Paares könne eine Hilfe dabei sein, Nordkorea von der Teilnahme zu überzeugen. „Das öffnet den Raum für weitere Gespräche“. Die Entfernung Luftlinie zwischen Pjöngchang in Nordkorea und dem Olympiaort Pyeonchang in Südkorea beträgt nicht mal 300 Kilometer, aber der Weg zum Mond könnte nicht viel weiter sein. Man wird sehen, ob dieser Weg in Oberstdorf begann.