TSV 1860

Auf alles eine Antwort

von Redaktion

Die Löwen ziehen auch deshalb einsam ihre Kreise, weil Bierofka nicht mal Gegner wie Pipinsried unterschätzt

München – Ein Kratzer auf der Stirn, drei Zentimeter lang, der Blutkruste nach ein, zwei Tage alt: Derart lädiert trat Daniel Bierofka vor die Interviewwand, was natürlich die Fantasie der anwesenden Reporter anregte. Ja, die Regionalliga scheint tatsächlich kein Streichelzoo zu sein, dachte manch einer, doch der Löwen-Coach löste die Sache auf. „Das war mein Hund“, sagte er – und weil er seine Pappenheimer von der Presse kennt, nahm er ihnen auch gleich den Wind aus den Segeln. Einer hatte reflexartig die auf der Hand liegende Schlagzeile formuliert („Nur sein Terrier kann Bierofka besiegen“), doch auch hier hatte Bierofka die bessere Pointe. „Ihr solltet mal sehen, wie der Hund jetzt aussieht“, sagte er, grinste – und spazierte fröhlich zurück in die Kabine.

So also läuft das derzeit beim TSV 1860, der mit elf Punkten Vorsprung auf Schweinfurt die Tabelle der Regionalliga Bayern anführt. Bierofka hat die besten Antworten, die griffigsten Konter, Lösungen für jede Situation. Und analog dazu tritt sein Team auf, das sich wie von unsichtbarer Hand geführt aus jeder noch so ausweglosen Lage befreit.

Als Schweinfurt im Topspiel hoffte, in Überzahl das Chancenplus zum Ausgleich nutzen zu können, machte Sascha Mölders schnörkellos den Deckel drauf (3:1/86.). Ähnlich lief es in Eichstätt: Der wackere Aufsteiger schnupperte eine Stunde am Sieg, versperrte den Gästen gekonnt den Weg zum Tor, doch dann stocherte Ziereis so lange, bis der Ball im Netz lag, kurz darauf schob Karger ein, während Mölders Torhüter Herter ablenkte – wieder hieß der Sieger 1860.

Seit elf Spielen ist der TSV nun ungeschlagen, und die Liga fragt sich: Geht das jetzt ewig so weiter, auch heute gegen Pipinsried, das ja schon vom Namen her dazu einlädt, unterschätzt zu werden?

Unter normalen Umständen wäre das Stolper-Risiko heute enorm, doch zum Leidwesen der Gegner ist Bierofka nicht mal bereit, gegen das Team aus dem 556-Seelen-Dorf die Zügel locker zu lassen. Seine Vorbereitung auf das ungleiche Duell: hochanalytisch wie immer, von beachtlicher Detailkenntnis geprägt. Wie aus der Pistole geschossen nannte Bierofka etliche Gründe, warum auch Pipinsried als Gegner nicht auf die leichte Schulter zu nehmen sei. Erstens: „Sie sind auswärts stärker als daheim.“ Zweitens: „Sie haben auswärts sogar beim FC Bayern gewonnen – in Unterzahl.“ Drittens: Spielertrainer Fabian Hürzeler (heute gesperrt) ist ein Zögling Bierofkas, er kennt sich somit bei 1860 aus. Viertens: Nominell sei Pipinsried „der beste Aufsteiger“. Selbst die Trainingszeiten des Dorfklubs kannte er: „Nur zweimal die Woche, dafür jeweils zwei Stunden.“ Es fehlte noch, dass er den Namen des Hundes von Klubpatron Konrad Höß auswendig aufsagt, denn vermutlich weiß Bierofka auch den. Es hat ihn nur keiner danach gefragt.

Über sein eigenes Team verlor Bierofka nicht ganz so viele Worte. Zu beachten sei: Im dritten Spiel binnen sechs Tagen werden die Akkus „nicht mehr ganz voll sein“. Auch gelte es, den gelbgesperrten Daniel Wein zu ersetzen. Grundsätzlich jedoch traut er den Seinen zu, einen letzten mentalen Kraftakt zu leisten, ehe am Ende der Hinrunde die motivationalen Selbstläufer kommen (in Augsburg vor fast 30 000 Zuschauern, daheim gegen Bayern und Bayreuth). „Das Gute ist ja“, so Bierofka: „Man findet immer was, was man der Mannschaft erzählen kann. Richtig motivieren ist schwierig, weil dann sagen sie: Jetzt erzählt er wieder den alten Schmarrn. Aber jeder Gegner unterscheidet sich vom anderen, hat andere Abläufe im Spiel. Es sind die kleinen Details, auf die es ankommt.“

Er selbst wirkt jedenfalls nicht so, als würde ihn das ewige Gewinnen langweilen. Für heute kündigt Bierofka eine personelle Rotation an, womöglich ändert er auch taktisch etwas. Damit seine Löwen Siegertypen bleiben und Jack-Russell-Terrier Sunny weiterhin ein entspanntes Herrchen hat. uli kellner

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