Moderne war gestern

von Redaktion

Die Bayern scheuen jedes Risiko und vertrauen den Fähigkeiten des alten Friedensstifters Heynckes

VON ANDREAS WERNER

München – Den Spott müssen sie nun ertragen, da oben in der Führungsetage an der Säbener Straße. Und das können sie auch, heißt es aus den höchsten Kreisen des FC Bayern. Dass als Reaktion auf die Meldung, man wolle seinen erlesenen Kader mal wieder dem inzwischen 72 Jahre alten Jupp Heynckes anvertrauen, im Internet ein Rollator in Klubfarben und Vereinswappen zirkulierte, mit dem Hinweis, die Gehhilfe für Senioren sei ab morgen im Bayern-Fan-Shop zu erstehen, ja mei – viel Feind, viel Ehr’ lautet da der Konter aus dem zentralen Steuerorgan. Nur eines zähle in diesem Moment: Ruhe, Ruhe, Ruhe. Es sei jetzt nicht der Zeitpunkt für Experimente.

Moderne war gestern. Die Nachricht der Reaktivierung des Rentners, der sich im Juni 2013 mit dem Triple verabschiedet hat, spricht nicht gerade für eine hohe Risikobereitschaft der Bosse, die sich Stichworte wie Innovation und Kreativität noch nie so recht an ihre Trachtenweste heften konnten. Thomas Tuchel galt als Top-Anwärter. Über ihn hieß es bereits in Mainzer Zeiten, er sei ein Coach, der die ausgetrampelten Pfade verlässt. Die Bayern verbreitern sie lieber noch ein wenig, mit Marschkapelle.

Dabei stellen sie die eigenen Lauscher auf taub. Kritiker von außen – Schlaumeier! Natürlich sei der Ruf nach einer Lösung wie Tuchel oder Julian Nagelsmann nicht zu überhören gewesen, aber die Situation, so argumentiert der Verein, sei zu verfahren, um sie einem Neuling anzuvertrauen. Tuchel genießt in der Branche den Ruf als esoterisch angehauchter Querdenker, so einer ist den Bayern schon aus natürlichem Reflex suspekt. Und Nagelsmann hat gerade erst mit vier Pleiten auf europäischer Bühne bewiesen, dass er trotz aller Talente noch recht naseweisig ist. So einen Trainer einem Arjen Robben vorsetzen, einem Franck Ribery? Selbst die Schlaumeier müssten einsehen, wie hoch die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns gewesen wäre. Intern haben die Bosse daher recht schnell an der Lösung Heynckes gearbeitet. Erkundigungen über Tuchel gab es wohl, aber keine Kontaktaufnahme zu Nagelsmann – und Priorität hatte, den bewährten Friedensstifter aus seinem Ruhestand zurückzuüberreden.

Heynckes sprang nicht sofort in sein Auto, um nach München zu hetzen. Er hatte auch keine Aufstellungsbögen und Matchpläne in seiner Schublade, als der Anruf der Bayern kam. Zwei bis drei Tage Bedenkzeit erbat er sich, um die Sache mit seiner Frau Iris zu besprechen, und auch jetzt ist sie noch nicht fix, da in Peter Hermann (65/derzeit Co-Trainer bei Düsseldorf) erst noch ein bewährter Assistent ausgelöst werden muss. Zudem müsse er „das Ganze analysieren“, erklärte er gestern der „Rheinischen Post“, der Fußball habe sich verändert in den viereinhalb Jahren Pause. Er fühle sich aber „topfit“. Bis Anfang der Woche, so ist der Plan, soll Heynckes die Arbeit aufnehmen.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ihn und Uli Hoeneß ein besonderes freundschaftliches Band verknüpft, doch die Entscheidung, es nun zum vierten Mal miteinander zu versuchen, sei kein Alleingang des Präsidenten gewesen, heißt es intern. Alle waren sich einig, dass in der jetzigen Situation nur ein alter Freund für Befriedung sorgen kann. Gleichzeitig erkaufen sich die Münchner bis zum Saisonende Zeit, um die große Lösung zu präsentieren.

Mehr denn je stellt sich die Frage: Quo vadis, FC Bayern?

Aktuell gibt der Verein das Bild eines in diesen Zeiten schon fast absurd rückwärtsgewandten Konstrukts ab. In Willy Sagnol und Hasan Salihamidzic wurden erst jüngst ein paar alte Weggefährten integriert, den Campus für die Talente leitet der rüstige Haudegen Hermann Gerland, nun also Heynckes statt beispielsweise Tuchel, bei dem man trotz seiner Allüren gerne gesehen hätte, was er mit diesem Kader so anstellt. Die Bayern aber müssen sich erst einmal erholen von den letzten Monaten. Die Spätphase unter Carlo Ancelotti wird inzwischen mit dem Prädikat „Debakel“ garniert; jeden Tag habe es an der Säbener Straße Diskussionen gegeben, jeden Tag! Der 58-Jährige ließ den Stars eine viel zu lange Leine, zog bei Geldstrafen wegen einiger Disziplinlosigkeiten nie wirklich mit und beförderte so ein chaotisches Klima, in dem am Ende keiner mehr wusste, woran er ist. Heynckes mag nicht für Fortschritt stehen, aber eine Qualität ist ihm nicht abzusprechen: Er fand stets die Balance zwischen Strenge und Milde.

In der Neusortierung der nach wie vor mysteriösen Ära Ancelotti fällt das Wort „befrieden“ auffallend oft; ein Indiz, wie viel hinter den Kulissen in der Schieflage war. Die Kommunikation in den einzelnen Teilen des Betreuerstabs ist völlig zum Erliegen gekommen, und in dem ganzen Tohuwabohu zerfiel auch die Mannschaft in Ich-AGs beziehungsweise Interessensgemeinschaften. Mit Heynckes als Medium haben die Bosse nun wieder mehr Zugriffe auf die internen Abläufe, bei Ancelotti, so heißt es, habe man die Geschehnisse teilweise mit Ohnmacht passieren lassen müssen.

„Unter Jupp läuft es anders“, der Satz fiel in den letzten Tagen oft in der Führungscrew. Dass sie sich wegen ihrer ideenarmen Politik Kritik gefallen lassen müssen, nehmen sie hin. Man dürfe sich nicht verbiegen lassen, meinen sie an der Säbener Straße. Und wenn Jupp die ersten Siege einfährt, sind die Spötter schnell leise. Heynckes habe keinen Berater zu den Gesprächen mitgebracht, auch das Geld sei nie das erste Thema gewesen. So soll es sein, wenn man sich hilft. In schwierigen modernen Zeiten sind Qualitäten von gestern so gefragt wie nie zuvor.

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