Solide Bodenhaftung

von Redaktion

Boateng verteidigt zum Comeback fast gelassen, patzt aber am Ende

Belfast – Man kann da schon etwas ehrfürchtig werden als Fußballer. Als die Kicker der deutschen Nationalmannschaft am Mittwoch für das Länderspiel in Belfast gelandet sind, stiegen sie am „George Best Airport“ aus ihrem Flieger. Dass ein Flughafen nach einem Ballzauberer benannt ist, das hat ja nicht mal einer in München geschafft, der Stadt, die immerhin den „Kaiser“ und den „Bomber“ hervorbrachte. Wer die bayerische Landeshauptstadt anfliegt, wird am „Franz-Josef-Strauß“-Flughafen begrüßt. An diesem Namen kamen selbst Franz Beckenbauer und Gerd Müller nicht vorbei.

Höhenluft und Abgehobensein ist zuletzt auch bei Jerome Boateng ein Thema gewesen – im übertragenen Sinne versteht sich. Als Verteidiger wird er es mit großer Wahrscheinlichkeit nie dazu bringen, dass mal ein staatstragendes Gebäude seinen Namen trägt, aber in erster Linie geht es bei dem Münchner sowieso zunächst darum, zu zeigen, dass er wieder mit Bodenhaftung seinem Beruf nachgeht. Er wurde in den letzten Monaten in seinem Verein kritisiert und degradiert, zwischendurch fehlte er verletzt – gestern nun startete er in der Nationalelf einen neuen Anlauf nach einem Jahr Zwangspause. In München hatte er sich zuletzt wieder herangetastet, und da in Carlo Ancelotti sein größter Kritiker weg ist, ist seine Chance groß, sich aufs Neue im Zentrum zu etablieren.

Seinen Auftritt gestern an der Seite seines Klubkollegen Mats Hummels darf man als Bewerbung verstehen. Die beiden verteidigten souverän mit weltmeisterlicher Gelassenheit. Die Nordiren waren giftig, sie spielten im Rahmen ihrer Möglichkeiten riskant und schnell nach vorne. Richtig in Bedrängnis brachten sie die Routiniers in der Abwehrzentrale aber nicht. Boateng nutzte sogar die eine oder andere Option, um sich vorne einzuschalten. Mal ließ er einen Gegner per Hackentrick aussteigen, mal schlug er eine feine Flanke aus dem Halbfeld. Am Sonntag hatte so eine Aktion zu einem Bayern-Tor geführt. Hummels veredelte die Hereingabe seines Kameraden. Doch auch ohne i-Tüpfelchen harmonierten die zwei gestern fast wie in den Tagen des WM-Triumphs in Brasilien, bis zwei Schnitzer in der Schlussphase. Solide Bodenhaftung, alles weitgehend unter Kontrolle, nicht abgehoben. Ein Comeback Marke: nearly the best.  awe

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