Belfast – Wer Belfast besucht, kommt um Geschichten des Untergangs schwer herum. Die „Titanic“ wurde einst in der nordirischen Hauptstadt zusammengeschweißt, von hier aus stach sie in See. Zudem ist die Gegend um Belfast Schauplatz von einigen der blutigsten Szenen der Fantasy-Serie „Game of Thrones“. Die deutsche Nationalelf war also gewarnt, zumal die „Green White Army“ seit vier Jahren kein Heimspiel mehr verloren hat. Es fehlte jedoch auch bloß noch ein Punkt, um sich das Ticket für die WM in Russland zu sichern. Entsprechend motiviert ging es in die Schlacht, und ein Untergang wie bei der „Titanic“ sollte auch kein Thema sein. Mit dem 3:1 hat der Weltmeister die Reise zur Titelverteidigung gebucht.
Widriges Wetter, eine Menge gegen sich, einen aggressiven Gegner vor der Brust – es war kein Spaziergang, den die Deutschen gestern auf ihrer letzten Etappe zur WM nach Russland zu bewältigen hatten. Es war eine schöne Härteprüfung für das wahre „Game of Thrones“, das im kommenden Sommer in Russland ansteht, wenn es dann um den Thron der Welt geht, werden die Gegner noch schwerer zu bezwingen sein. Doch Joachim Löws Elf hinterließ gestern erneut den Eindruck, dass sie selbst feuerspeiende Drachen nicht fürchten muss; insgesamt war der Auftritt durchaus souverän.
Sebastian Rudy sorgte bereits nach zwei Minuten für eine erste Beruhigung; der Neu-Münchner donnerte einen Abpraller zur Führung in den Winkel. Es war das erste Gegentor für die Nordiren in der laufenden Qualifikation, und es konnte sich sehen lassen mit all der Urgewalt. Sandro Wagner ließ sich davon inspirieren, offensichtlich. Er drehte sich nach einem Zuspiel von Kapitän Thomas Müller am Strafraum einmal auf links und zog ab – erneut beulten sich die Maschen bis zur Tribüne (20.). Der Weltmeister machte schnell klar, wem der Thron gehört.
In der Folge zogen sich die Gastgeber mehr zurück. Für die Deutschen wurde es nun schwerer, doch sie verloren nie das Hoheitsgefühl. Wagner köpfte an den Pfosten, auf eine Flanke des frechen Joshua Kimmich, es hätte zur Pause auch schon deutlicher stehen können.
In der zweiten Hälfte erlebten die Zuschauer ein leichtes Deja-vu des Hinspiels; damals in Hannover waren die Deutschen auch recht schnell 2:0 in Front gelegen, ehe sich ein Abnützungskampf ergab. In der Schlussphase hätte Conor Washington beinahe eine Nachlässigkeit von Jerome Boateng genutzt, doch sein Schuss klatschte an die Latte. In der Nachspielzeit patzte der Bayer erneut, Josh Magennis traf zum Ehrentreffer, doch Kimmichs 3:1 hatte alle Zweifel schon beseitigt (86.).
Dennoch stand dem Sieg nichts mehr im Wege, als Randnotiz ließ sich festhalten, dass die fünf Bayern ihren Beitrag leisteten, obwohl sie nach zuletzt turbulenten Tagen in München mit einer Hypothek zur DFB-Auswahl gestoßen waren. Mats Hummels und Boateng verteidigten solide, Kimmich flankte fleißig, Müller bewegte sich emsig, und Rudy krönte seine kluge Partie mit dem 1:0.
Die Titelverteidigung in einem Jahr in Russland werde „das Allerschwerste“ hatte Löw tags zuvor geklagt, „fast übermenschlich“ müsste da die Motivation sein. Aber so eine WM ist im Zweifel wie eine Fantasy-Serie: Es wird einem nichts geschenkt, wenn man auf den Thron will.