Marathon – der Grenzgang

von Redaktion

Von Günter Klein

Berlin ist der Höhepunkt im deutschen Marathon-Jahr. In Berlin wird der Weltrekord gejagt, der SC Charlottenburg holt sich immer ein potentes Teilnehmerfeld zusammen. Die Afrikaner dominieren.

Doch die deutschen Läufer hoffen, im Sog der Stars ein bisschen schneller zu sein als sonst und die Norm zu schaffen, um beim nächsten Großereignis (Weltmeisterschaft, Olympische Spiele) dabei zu sein. In Berlin geht es trotz des internationalen Rummels auch um Aufmerksamkeit für die eigenen Leute. „Erster deutscher Mann“, „Erster deutsche Frau“ steht auf den Begleitautos. Das Publikum soll den kleinen Wettbewerb im großen Wettbewerb mitkriegen.

Philipp Pflieger aus Regensburg ist hinter Arne Gabius, der Ende Oktober in Frankfurt starten wird, der beste deutsche Marathoni. Berlin sollte sein Rennen werden. Er fühlte sich „am Morgen sensationell“, wie er im Interview mit der „Welt“ sagte. Er lief auf Kurs Richtung persönliche Bestzeit.

Bis zu Kilometer 33. „Da hing ich das erste Mal am Geländer.“ Er rechnet hoch, dass er seine Zeitvorstellungen immer noch erreichen könnte, macht weiter. Doch Pflieger war angeschlagen. Zweiter Stopp. Zwischen km 39 und 40 ein drittes Anhalten. Er kann kaum noch stehen, ein Zuschauer am Streckenrand stützt ihn. Pflieger blickt auf seine Uhr, die GPS hat, die ihm anzeigt, welchen Kilometerschnitt er bislang gelaufen ist. Man merkt: Er will noch nicht loslassen. Er kann klar denken, rechnen.

Als er die Aufzeichnung des Berlin Marathon zuhause in Regensburg anschaute, erschrak er: „Ich war echt schockiert, als ich mich da gesehen habe.“ Er erkannte nun die „drastische und emotionale Wirkung der Bilder“. Pflieger, 32, beendete nach seinem dritten Halt das Rennen – auf Geheiß des herbeigeeilten Trainers. Der veranlasste, dass Pflieger ins Auto gesetzt wurde. Der Läufer selbst räumte ein, „körperlich und mental am Ende gewesen zu sein“. Die Ursache: Vielleicht ein Infekt, er hat eine Blutprobe ans Labor gegeben, „womöglich war es einfach ein energetisches Problem“.

Es wäre der Klassiker bei jenen, die beim Marathon in Schwierigkeiten geraten, egal in welcher Leistungsklasse: Der Tank ist leer irgendwann.

Läufer gehen mit gefüllten Kohlehydratspeichern an den Start. Darum gibt es am Abend vorher eine Pasta-Party. Und während des Rennens sollen die Teilnehmer möglichst alle fünf Kilometer an den Verpflegungsständen zugreifen – auch wenn ihnen nicht danach ist. Riegel, Bananen, Trockenobst, vor allem Wasser oder ein isotonisches Getränk. Spitzenläufer deponieren ihre eigenen Snacks und Drinks.

„Mann mit dem Hammer“ – oder „Runner’s High“

Trotzdem: Der 25 000. Schritt fällt schwerer als der erste. Die Muskeln werden müde, die Kalorien werden schneller verbrannt als frische zugeführt werden. In der Regel nach rund 30 Kilometern beginnt dann die kritische Phase. Fachbegriff der Szene: Es kommt „der Mann mit dem Hammer“. Wer ihn hinter sich lässt, hat die Chance, ins „Runner’s High“ zu geraten, den Rausch des Läufers. Die meisten sagen jedoch, sie hätten das noch nie erlebt. In erster Linie tut es weh, 42 Kilometer zu laufen.

Es kann zu schrecklich anmutenden Szenen kommen. So etwas wie ein Urknall ereignete sich bei den Olympischen Spielen 1908. Dorando Pietri, ein Konditor aus Capri, läuft als Erster ins Stadion von London ein – aber desorientiert. Nimmt die verkehrte Richtung, torkelt, kollabiert. Der Rennarzt massiert Pietris Herz, Helfer richten ihn auf, führen ihn über die Ziellinie. Doch fremde Hilfe in Anspruch genommen zu haben bedeutet Disqualifikation. Zum Sieger wird der Amerikaner Johnny Hayes erklärt. Pietri ist sauer, sagt, er hätte es alleine ins Ziel geschafft.

Der neuzeitliche Hinschau-Schock datiert von 1984. Die Frauen haben sich das Recht erstritten, mit Marathon im olympischen Programm vertreten zu sein. Große Premiere.

Und dann das: Gaby Andersen-Schiess, eine für die Schweiz startende Amerikanerin, eine routinierte Läuferin, kommt durchs Marathontor des Olympiastadions von Los Angeles, die Medaillen sind vergeben, es geht nur noch um Platzierungen und um die Demonstration: Schaut hin, was Frauen leisten können. Hinterher sagte Andersen-Schiess, es sei so schön kühl gewesen im Tunnel – dann jedoch im Stadion: eine Wand aus Hitze, gegen die sie rannte.

Das Drama nimmt seinen Lauf: Die US-Schweizerin verliert die Kontrolle über sich, die Beine knicken ein, der Oberkörper hängt schief, die Arme schlenkern. Sieben Minuten für eine Stadionrunde. Die Welt sah zu.

War die Lage bedrohlich? Gaby Andersen-Schiess sagte später in einem Interview, sie habe die Lage im Griff gehabt, neben ihr sei auch der Rennarzt hergegangen, der richtigerweise erkannt habe: „Ich war nicht desorientiert.“

Hinter der Ziellinie, brach sie zusammen. Man maß ihre Temperatur: 41 Grad. Auch das ist ein Fakt beim Marathon: In der schlimmsten Phase eines solchen Extremlaufs hat man ein recht anfälliges Immunsystem. Meistens ist das nach ein paar Minuten aber wieder vorbei.

Bei Andersen-Schiess hatte sich ein hypoglykämischer Schock eingestellt. Man kennt das von Diabetikern, wenn sie nach einer Insulinspritze nicht genügend essen und unterzuckert sind. Sie können das Bewusstsein verlieren. Andersen-Schiess hatte, wie sie in der Analyse feststellte, zu wenig gegessen und die letzte Verpflegungsstation auf der Strecke von Los Angeles ignoriert. Darum ging es ihr schlagartig so schlecht. Die Notfallmaßnahme der Ärzte war: „Sie verteilten Eisbeutel über meinen ganzen Körper.“

Sie erholte sich. Drei Monate später war sie eine der Attraktionen beim New York Marathon. Dem Marktwert hatten die Bilder nicht geschadet, die sie der Welt geliefert hatte.

Die Gefahr läuft mit, und es geht nicht immer gut aus. Pro 130 000 Starts gibt es im Marathon statistisch einen Todesfall. Gerade bei den großen City-Marathons wird der Atem angehalten bei den Veranstaltern, dass dieses Szenario nicht eintritt.

Als gefährdet gelten vor allem die gut trainierten Freizeitsportler, die etwa die „Schallmauer“ von drei Stunden durchbrechen wollen, für manche ein Lebensziel. Da wird auch mal ein Infekt ignoriert, wird nach einer Krankheit zu früh wieder angefangen, kann es zur Entzündung des Herzmuskels kommen. Höchste Gefahr: Wenn der Wille so stark ist, dass der Körper übertourt . . .

Weiter hinten im Feld geht’s nicht so verbissen zu. Da die gängigen Trainingspläne wie der des deutschen Ausdauer-Gurus Herbert Steffny vorsehen, dass man in der Vorbereitung maximal 32 Kilometer am Stück läuft und niemals die volle Wettkampfdistanz, werden viele Läufer auf den letzten 10 Kilometern langsamer. Bis zur Gehpause. Doch die „Radiergummis“ kommen eher heil ins Ziel als die „Bleistifte“.

Wenn jemand aufhört, dann in der Regel, weil er platt ist. Seltener aufgrund einer Verletzung. Klar, man kann stürzen im teils dichten Feld, es kann ein Passant zur Unzeit eine Straße überqueren, man kann sich den Fuß vertreten.

Verletzungs-Dramatik erlebte mal Günther Weidlinger, der Österreicher, der alle Landesrekorde von 1500 Meter bis Marathon hält. 2012 in London musste er im Rollstuhl von der Olympia-Strecke transportiert werden. „Bei einer 180-Grad-Wende ist mir die Achillessehne angerissen“, erzählt er, „das war eine alte Verletzung, die ich Jahre zuvor erstmals in einem 3000-Meter-Hindernis-Rennen gehabt hatte“. Vier Jahre später beendete er seine Karriere nach einem Kollaps im Training – und arbeitet nun für den österreichischen Leichtathletik-Verband.

Die Olympiastadt London bot 2017 beim jährlichen Marathon – Mitglied der „World Majors“ – ein Drama. Ein Läufer namens David Wyeth war 200 Meter vor dem Ziel am Ende. Er konnte keinen Schritt mehr tun. Die anderen hasteten an ihm vorüber, ihre Zeiten im Sinn – und die Aussicht, dass die Anstrengung ihr Ende findet. Nur einer nicht, Matthew Rees, Startnummer 33 210, von Beruf Banker, 29 Jahre alt. Er hatte eine persönliche Bestzeit schon fast sicher, doch er pfiff auf sie. Er half dem Läufer, den er nicht kannte, richtete ihn auf, stützte ihn, redete auf ihn ein, die 200 Meter mit seiner Unterstützung irgendwie zu schaffen. Heldenhaft.

Keiner, der an der Startlinie steht, weiß, wie es zwei, drei, vier, fünf ein paar Stunden später sein wird. Selbst Unvorhersehbares ist schon passiert: ein im Olympia-Marathon Führender (der Brasilianer Vanderlei de Lima, 2004), der bei Kilometer 36 von einem verrückt gewordenen Zuschauer zum Sturz gebracht wurde (und danach zwei Konkurrenzen passieren lassen musste) und ein Bomben-Attentat, das Boston im Jahr 2013 traf – auf der Zielgeraden.

Trotz aller Risiken: Der Marathon erlebt von den Teilnehmer-Zahlen ein stabiles Hoch. Weil der Grenzgang in den meisten Fällen zum puren Glück führt. Das wirkungsvollste Aufmunterungsplakat, das Zuschauern den Läufern entgegenhalten können, trägt den Sinnspruch: „Der Schmerz geht, der Stolz bleibt.“

So ist es.

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