Belfast – Die Nordiren hatten in ihrem imposanten Windsor Park alles aufgefahren. Nationalheld und Superbike-Weltmeister Johnny Rea winkte zur Einstimmung der Partie gegen Deutschland vom Rasen auf die Ränge, zur Pause wurde „Nessun dorma“, naturgemäß stimmgewaltig, geschmettert – doch dem Weltmeister war nicht beizukommen. In Belfast haben sich die Gegner seit vier Jahren vergeblich am Sturm der Festung versucht; doch nach dem 3:1 stellte Mats Hummels völlig zurecht fest: „Wir hatten das hier immer unter Kontrolle.“
Nach dem neunten Sieg im neunten Qualifikationsspiel ist die DFB-Auswahl bei der WM 2018 in Russland startberechtigt. „Wenn wir mit einem fitten Team anreisen, gehören wir zu den Favoriten“, sagte Hummels. Auch mit dieser These hatte er Recht. „Wir haben unglaublich viel Qualität im Kader und viele unterschiedliche Typen.“ Zum Ende der WM-Qualifikation hat sich das Puzzle aus Weltmeistern und Confed Cup-Siegern zu einem vereinigten Deutschland verheißungsvoll zusammengefügt.
Die Mannschaft von Joachim Löw straft alle Skeptiker Lügen, die Disharmonien erwartet hatten, wenn die Sieger aus zwei Welten zu einer Einheit geformt werden müssen. Man hat das ja schon oft erlebt, wie sich Hierarchien verschieben, sich Grüppchen bilden und bei all der unkontrollierbaren Gruppendynamik der Teamgeist zur Hintertür verschwindet. Bei der Nationalelf waren die Terrains durch die Weltmeister nachhaltig abgesteckt – doch die Ansprüche der B-Elf, die im Sommer die WM-Generalprobe gewonnen hat, sind ja auch nicht unberechtigt. Statt Grabenkämpfen aber traf es diesmal sogar Reinhard Grindel gut, der ja sonst alles eher im Politikerdeutsch auspendelt. „Wir haben eine Mannschaft von Weltmeistern und eine von Confed Cup-Siegern – und sie wächst zusammen.“
Oliver Bierhoff trat an diesem Abend dementsprechend sogar noch etwas souveräner auf als gewöhnlich. Als der DFB-Teammanager zur Vorbereitung auf die WM befragt wurde, lächelte er gelassen: „Naja, die Planung ist nicht so kompliziert.“ Bereits Minuten nach dem Abpfiff hatte der Verband eine Erklärung verschickt, man werde sich wie zuletzt üblich in Eppan/Südtirol zu einem Trainingslager treffen. Mitte Mai sieht der grobe Zeitplan vor, die weiteren Abläufe hängen von der Gruppenauslosung am 1. Dezember ab. Bierhoff liebäugelt mit einem WM-Quartier in Moskau oder Sotschi: „Diese Optionen haben uns gefallen.“
Wer auch immer den Weltmeister beherbergt, wird der Gastgeber eines Favoriten sein, meinte Bierhoff. Die Siegesserie in der Qualifikation sei von der Konkurrenz sehr wohl registriert worden. „Genau wie der Confed Cup war das eine Bestätigung für uns. Die Welt schaut auf uns.“ Es werde aber kein Selbstläufer, schob er pflichtschuldig und wahrheitsgemäß nach: „Die anderen haben aufgeholt, ich denke da allein an die Franzosen mit ihren unglaublichen Talenten – wir werden hart arbeiten müssen.“
Am Sonntag steht nun erst einmal noch das letzte Qualifikationsspiel an, in Kaiserslautern empfängt man Aserbaidschan (20.45 Uhr/RTL). Gegen den krassen Außenseiter soll der zehnte Sieg in der zehnten Pflichtspielpartie Formsache sein. „Es wäre extrem ärgerlich, wenn wir uns unsere schöne Bilanz im letzten Heimspiel versauen“, meinte Hummels. Die Spanier gewannen vor der WM 2010 auch schon einmal alle zehn Qualifikationsspiele – am Ende wurden sie Weltmeister. „Dann können wir das ihnen ja jetzt nachmachen“, sagte Jerome Boateng. Die Konkurrenz muss einiges mehr als die wackeren Nordiren auffahren, um dieses Team aus zwei Welten bei der Titelverteidigung zu bremsen.