München – Man kennt das aus dem Privatleben. Ist eine Beziehung erst mal vorbei, gäbe es eine Menge zu erzählen darüber, wo es überall geknirscht hat. Aber hinterher ist eben auch immer schlauer, und vorher wäre ja genug Zeit gewesen, die Probleme anzugehen. Deshalb lässt man sich öffentlich eher nicht so grundsätzlich aus. Man sagt lieber einen versöhnlichen Satz wie: „Ich schaue nur nach vorne.“
Vor zwei Wochen hat sich der FC Bayern von Carlo Ancelotti getrennt. Zwischen den Zeilen gab es seitdem eine Menge Andeutungen, dass es in der Kommunikation mit der Mannschaft haperte, mit einem Teil des Funktionsteams, mit Taktik und Trainingsintensität. Aber wenn man die Entscheider im Verein darauf anspricht, auf den Vorwurf mangelnder Fitness etwa, klingen sie nicht anders als ein Mann, der seit kurzem wieder Single ist und nicht nachtragend wirken will. Intern, sagte Karl-Heinz Rummenigge diese Woche der „tz“, habe man „festgelegt, nicht nach hinten zu schauen, sondern nach vorne“.
Vor sich haben die Bayern das heutige Abschlusstraining mit Jupp Heynckes und morgen das erste Punktspiel unter seiner Anleitung gegen den SC Freiburg. Zu hören ist, dass – wenig überraschend – die Intensität der Übungen zugenommen hat. Heynckes will neue Akzente setzen und das Personal beleben, seine Schützlinge wiederum sehen sich in der Pflicht zu beweisen, dass sie zu mehr im Stande sind als in den letzten Wochen gezeigt. Rummenigge ist schnell aufgefallen, „dass die Mannschaft jetzt sehr konzentriert und diszipliniert zu Werke geht“.
Es ist der klassische Effekt eines Trainerwechsels. Der FC Bayern unterscheidet sich in diesem Punkt nicht von einem gebeutelten Abstiegskandidaten. „Man merkt an der Stimmung, dass man etwas verändern möchte, dass man in die Erfolgsspur kommen möchte“, hat Joshua Kimmich dem „kicker“ erzählt und dabei alle Beteiligten eingeschlossen: „Der Trainer, wir Spieler, aber auch der Verein.“
Die landläufige Meinung besagt, dass unter neuer Aufsicht die Mannschaft schnell wieder das alte Niveau erreichen werde. Intern ist diese Erwartungshaltung nicht jedem geheuer. „Es wird nicht so sein, dass der Trainer gewechselt wird und die Mannschaft plötzlich Fußball vom anderen Stern spielt“, warnt Thomas Müller. Aber an einigen der vielzitierten Stellschrauben hat Heynckes offensichtlich bereits gedreht.
Man hat das am Mittwoch sehen können, als die Bayern in Ingolstadt ihre neuen Dienstwagen in Empfang nahmen. In einem Cabrio wurden da nicht nur Heynckes und Hasan Salahamidzic präsentiert. Sondern an ihrer Seite auch Müller. Der erste Vertreter des verletzten Kapitäns Manuel Neuer steht stellvertretend für die Unzufriedenheit unter Ancelotti, für die Stagnation und den Mangel an Zuwendung. Nun soll Müller derjenige sein, an dem das Wirken von Heynckes besonders deutlich wird. „Er ist ein ganz, ganz großer Spieler“, betonte der Trainer am Rande des PR-Termins dann auch. „Thomas kann sich vom Intellekt her und von dem, was er bisher geleistet hat, als Führungsspieler hervortun.“ Normalerweise heißt es immer, dass Reden Silber und Schweigen viel wertvoller sei. In diesem Fall ist Reden Gold.
Das öffentliche Starkreden des Weltmeisters hatte schon bei der Vorstellung am Montag begonnen und setzte sich im Training nahtlos fort. Heynckes sprach ausgiebig mit ihm, erklärte und lobte. Müller musste in den letzten Tagen viel arbeiten, erhält andererseits aber auf dem Rasen nun wieder jene Freiheiten, die er für seine anarchische Spielweise benötigt.
„Im Training lief’s gut“, bestätigte er. Vom Intellekt her hat er aber schnell verstanden, dass die Leute ihn besonders aufmerksam beobachten werden in der Hoffnung, an ihm möge sich ein Heynckes-Effekt zeigen. Einen Kommentar zu seiner veränderten Position lehnte er deswegen ab: „Über mich selbst spreche ich nicht so gerne. Das sollen andere beurteilen.“ Für ihn ist Schweigen Gold.