Das Erstaunlichste an der geplanten Olympiabewerbung des Landes Tirol ist, dass ernst zu nehmende Befürchtungen grassieren, die maßgebende Volksbefragung am Sonntag könnte schief gehen. Erstaunlich deswegen, weil es kaum eine Region auf diesem Planeten gibt, die so eng mit dem Wintersport verbunden ist. In Tirol wurden die ersten Skischulen gegründet, Tirol brachte Skilegenden wie Toni Sailer und Karl Schranz hervor. Millionen von Hobby-Alpinen pilgerten schon zu den Pisten von Kitzbühel, St. Anton und am Wilden Kaiser. Die Sportstätten in Innsbruck (Skisprung), Hochfilzen (Biathlon), Igls (Bob und Rodel) und Seefeld (Ski Nordisch) sind beliebte Arenen globalen Wettstreits. Hier scheint also alles zusammenzupassen für olympische Hochgefühle: Tradition, Berglandschaft, fachkundige Fanmassen, moderne Sport-Infrastruktur. Nicht umsonst hat sich Innsbruck, Tirols Hauptstadt, ja bereits zweimal (1964/1976) präsentieren dürfen als strahlende Olympiastadt.
Und dennoch: Es ist ungewiss, ob es sich ausgehen wird für Tirol mit seiner Bewerbung für 2026.
München und Garmisch-Partenkirchen hatten bei der Bürgerbefragung 2013 ja bereits die bittere Erfahrung machen müssen, dass es mit günstigen Rahmenbedingungen allein nicht getan ist. Auch dieser missglückte Anlauf offenbarte, dass inzwischen das olympische Feuer der Begeisterung in der Bevölkerung immer schwerer entfachbar ist. Die fünf Ringe sind in weiten Teilen der öffentlichen Meinung zum Symbol geworden für die Fehlentwicklungen des Sports: für Gigantismus, Korruption, Doping, Geldverschwendung, eitles Prestigedenken, bleibende Sportruinen. Die Sünden der Vergangenheit sind unbestreitbar, und es muss erst noch bewiesen werden, dass das Reformpaket Agenda 2020 des IOC tatsächlich ein wirksames Mittel ist, die olympischen Krankheiten zu bekämpfen.
Allerdings macht man es sich zu leicht, den angeblich unzeitgemäßen Olympischen Spielen jedes Existenzrecht abzusprechen. Allein schon das weltweite Zuschauerinteresse in Milliardenhöhe spricht für die anhaltende Strahlkraft dieses Wettstreits. Und auch die jüngste Vergabe der Sommerspiele an Paris (2024) und Los Angeles (2028) wurde in den beiden Weltmetropolen von Jubelstürmen begleitet. Das waren positive Signale, auch wenn damit die olympische Krise längst nicht bewältigt ist.
Winterspiele trafen zuletzt aber auf noch weitaus stärkere Vorbehalte als ihre Sommer-Version. Man darf somit gespannt sein, ob die Überzeugungskraft der Tiroler Olympiafreunde ausreicht, sich über das weitverbreitete Negativ-Image hinwegzusetzen. Ein vorzeitiges Scheitern käme jedenfalls einem Schlag ins olympische Kontor gleich. Denn unweigerlich stellte sich in diesem Fall die Frage: Was für einen Sinn macht diese Mega-Veranstaltung noch, wenn nicht einmal ein Traumkandidat vermittelbar ist?