Kailua-Kona – Jan Frodeno fühlt sich gerüstet – wie auch immer es kommen wird. Selbst eine Entscheidung auf den letzten Metern nach 3,8 Kilometern Schwimmen, 180,2 Kilometern Radfahren und 42,195 Kilometern Laufen könnte ihn nicht überraschen. „Teil eines Zielsprints auf dem Ali’i Drive zu sein, wäre absolut legendär“, sagt der Weltmeister von 2015 und 2016. Nun will Frodeno den Hattrick perfekt machen, womöglich sogar in unter acht Stunden, was noch keinem Triathleten beim Ironman auf Hawaii bisher gelang.
„Ich glaube, er wird so stark sein wie noch nie. Wer mit etwas anderem rechnet, wird auf dem falschen Fuß erwischt“, sagt sein erster Widersacher Sebastian Kienle, WM-Zweiter vor einem Jahr und Weltmeister 2014. „Bei Jan ist es so, dass alles andere als ein Sieg schlecht ist. Er hat ein paar Rennen mehr und auch einmal mehr auf Hawaii gewonnen als ich. Da wird ihm ein zweiter Platz nicht mehr so viel weiterhelfen“, meint der 33-Jährige aus Mühlacker.
Nur, dass auch für Kienle eigentlich einzig der Sieg zählt. „Ich will eher einen möglichen ersten Platz als einen sicheren dritten. Genauso werde ich mein Rennen ausrichten.“
Da gibt es aber auch noch einen Patrick Lange, den Dritten im vergangenen Jahr mit der Marathon-Rekordzeit von 2:39,45 Stunden. Und dessen Vorbereitungs-Trainingspartner Patrik Nilsson aus Schweden. Für Frodeno sind das die beiden „Laufraketen“. Und Lange kündigte schon an: „Beim Laufen will ich den Turbo zünden.“
Der Kanadier Sanders als Herausforderer
Deutsche unter sich? Keineswegs. Frodeno und alle anderen rechnen auch mit dem Kanadier Lionel Sanders, einem extremen Typen mit äußerst bewegter Vergangenheit. Drogen, Alkohol, kurz vor dem Suizidversuch – der 29-Jährige hat all das hinter sich gelassen. Nun zählt er, auch dank eigenwilliger Indoor-Trainingsmethoden, zu einem der großen Herausforderer von Frodeno, Kienle und Lange.
„Jeder von meinen Konkurrenten sagt, dass ich die Zielscheibe auf dem Rücken habe“, betont Frodeno. Er selbst verzichtet darauf, einen vermeintlichen Hauptkontrahenten zu benennen: „Es war aber bei mir immer so, dass der Schuss nach hinten losging, wenn ich mich auf einen versteift habe.“
Zum ersten Mal seit einem Jahr treffen Frodeno und Kumpel Kienle wieder im Wettkampf aufeinander. Der Titelverteidiger modifizierte seine Jahresplanung. Oft hatte er sein absolutes Leistungshoch eher in den europäischen Sommermonaten, 2016 stellte er im Juli beispielsweise den Langstrecken-Weltrekord auf. „Ich bin auf jeden Fall vorher noch nie mental so frisch hier angekommen, dass ich richtig was machen und trainieren wollte. Da war früher immer so eine Müdigkeit.“ Die ist weg. „Jetzt muss ich noch die letzten Stunden abwarten, ehe ich Gas geben kann“, sagt er vor dem Start an diesem Samstag um 6.35 Uhr Ortszeit (18.35 Uhr MESZ) am Dig Me Beach von Kailua Kona.
Nach den ersten 3,8 Kilometern im Wasser werden die starken Radfahrer versuchen, davonzufahren oder das Tempo so hoch zu halten, dass der Konkurrenz beim Laufen die Kraft ausgeht. Vor einem Jahr fuhr keiner schneller als Boris Stein, am Ende landete der 32-Jährige auf Platz sieben.
Für Lange wird es darum gehen, auf dem Rad dran zu bleiben, um dann beim Marathon seine große Stärke auszuspielen. „Wenn ich in der Situation meiner Konkurrenten wäre, würde ich meine Taktik so auswählen, dem Laufduell mit mir aus dem Weg zu gehen“, erklärt Lange. „Eine ganz wichtige Eigenschaft ist es, hier flexibel reagieren zu können“, sagt Frodeno.
Denn jeder, der acht oder mehr Stunden an seine Leistungsgrenzen und darüber hinausgeht, weiß, dass es bei dieser Tortur ein ständiges Auf und Ab ist. „Man kann sich an einem Punkt so elend fühlen, dass man gerade aufgeben will. Zehn Minuten später denkt man, wie geil, da geht noch was“, sagt Lange. Und dazu dieser Mythos, dieses Rennen auf Hawaii. „Das letzte bisschen Selbstvertrauen schenkt dir die Insel nie“, sagt sogar ein Frodeno.