Floskeln sind Karl-Heinz Rummenigge eigentlich nicht fremd, mit seinem Ausspruch „back to earth“ hat der Vorstandschef des FC Bayern aber tatsächlich mal eine Formulierung kreiert, die im Gedächtnis blieb. Sie richtete sich vor knapp einem Jahr an Jerome Boateng, der nach Ansicht seines Arbeitgebers vor lauter Lifestyle die Bodenhaftung verloren hatte, die man als Nationalspieler und Abwehrchef des FC Bayern an den Tag legen sollte. Der Angesprochene musste über die Kritik schmunzeln, ehe er sie zurückwies. Und er hatte ja Recht: In dieser Branche voller Selbstdarsteller gibt es andere Protagonisten, die sich für ihre Aktivitäten abseits des Platzes eher einen Rüffel verdient hätten.
Der Nachname Boateng mag vielleicht für exotische Brillenmodelle, unzählige Tattoos, noch mehr Sneaker und einen gewöhnungsbedürftigen Klamottenstil stehen. Trotzdem heben sich die in der Bundesliga kickenden Brüder ab von der Masse derer, denen das früh verdiente viele Geld zu Kopf gestiegen ist. Denn sie wissen ihre Bühne für löbliche Zwecke zu nutzen: Während Jerome den Steilpass der von der AfD losgetretenen „Nachbarschafts“-Affäre für Auftritte gegen Rassismus verwertete, ist Kevin-Prince im Kampf gegen Diskriminierung längst ein Vorreiter. Sein jüngster Vorschlag: Ein Videobeweis bei rassistischen Vorfällen in Stadien.
Es ist tatsächlich absurd, dass jede Aktion auf dem Platz im Sinne der Fairness heute streng reglementiert ist (Torlinientechnik, Videobeweis), Verstöße auf der Tribüne aber – mangels Beweisen – nicht lückenlos aufgeklärt werden können. Boateng ist unfreiwillig Experte, in Diensten des AC Milan hatte er einst den Platz verlassen, nachdem er und andere dunkelhäutige Mitspieler beleidigt worden waren. In Italien ist diese Schattenseite der Branche ausgeprägter als hierzulande, wo Fankultur und Infrastruktur anderen Ansprüchen genügen. Trotzdem spricht er ein Problem an, das global existiert und mit allen Mitteln bekämpft werden muss.
Der Vorschlag ist logisch – und trotzdem in der Praxis kaum umsetzbar. Auf Fankurven gerichtete Kameras existieren, wie aber soll man Einzeltäter entlarven? Vermummte Lippen lassen sich nicht lesen, das Geschrei schwer lokalisieren. Und trotzdem sollte sein Vorstoß ernstgenommen werden. Missstände verschwinden nicht, indem man wegschaut, sondern immer und immer wieder darauf hinweist. Zur Not auch auf roten Teppichen – und ganz egal, wie weit man dabei „über der Erde“ schwebt.