München – Es gab am Freitag ein paar Situationen, in denen deutlich wurde, wie Jupp Heynckes tickt. Nun ist es zwar nicht so, dass man als alter, neuer Trainer in seiner vierten Amtszeit – noch dazu als 72 Jahre alter Mann – so intensiv beäugt wird wie junge, dynamische Kollegen (siehe: Guardiola). Aber einige Dinge werden registriert, so wie zum Beispiel dieser kleine Einschub inmitten eines Satzes, in dem es eigentlich um Taktik ging. Er lautete: „100 Euro in die Mannschaftskasse.“
Heynckes kam dieser Satz vollkommen selbstverständlich über die Lippen, ungefähr so selbstverständlich, wie er nach den mahnenden Worten die Ausführungen zu seinem 1012. Bundesliga-Spiel als Trainer weiterführte. Die Verkündung des Strafmaßes für „Handyklingeln“ hatte sich an den neben ihm sitzenden Pressesprecher des FC Bayern gerichtet. Der nahm den Scherz (?) – während er sein lärmendes Mobiltelefon auf lautlos schaltete – mit einem Lächeln zur Kenntnis, während Heynckes unbeirrt weitersprach. Ohne eine Miene zu verziehen. Bei allem Gerede um die zurückgekehrte Leichtigkeit an der Säbener Straße: Ordnung muss sein.
Fünf Tage war Jupp Heynckes am Freitag im Amt, sechs werden es an diesem Samstag sein, an dem er nach 1596 Tagen Pause wieder auf der Trainerbank in der Allianz Arena Platz nehmen wird. Der SC Freiburg ist zu Gast, eine „unangenehme Mannschaft“, wie Heynckes in den letzten Wochen auf seinem Schwalmtaler Sofa festgestellt hat. Aber das tut bei diesem Heimspiel ungefähr so viel zur Sache wie der berühmte Sack Reis in China. Wenn „Jupp, Jupp, Jupp“-Rufe ertönen, geht angeblich sogar bei Heynckes mal kurz „der Puls hoch“. Das Wort „Stolz“ wollte der Triple-Coach von 2013 nicht in den Mund nehmen („ein großes Wort, ich gebrauche es selten“), aber er sagte: „Ich werde erfreut sein. Denn das ist eine Bestätigung meiner Arbeit hier und auch meiner Person.“ Gruppenkuscheln mit 75 000.
Man hat den Eindruck, dass das Persönliche und das große Ganze seit dieser Woche beim FC Bayern wieder eng miteinander verwoben sind. Zwar hatte Heynckes sein ganzes Team nach der Länderspielpause erst am Freitag zum Abschlusstraining beieinander, er bestätigte aber, seine ersten Arbeitstage „intensiv“ genutzt zu haben. Zahlreiche Gespräche – unter anderem mit Sorgenkindern wie Thomas Müller und Sven Ulreich – haben ihn darin bestätigt, dass die Atmosphäre sich seit dem Abgang von Carlo Ancelotti nach und nach bessert. „Die Spieler haben wieder Spaß bei der Arbeit“, sagte Heynckes, und – auch wenn er sich selbst „noch einfinden“ müsse: „Ich merke, dass es mir wieder Spaß macht.“
Ein Mann wie Heynckes würde nie ein schlechtes Wort über andere verlieren, aber allein die Schilderungen seiner eigenen Vorhaben reichen aus, um zu deuten, was unter Ancelotti alles nicht gestimmt haben kann. Fitness, Training, Teamgeist, Hierarchie, Taktik – er hat klare Vorstellung, die sich von jenen seines Vorgängers unterscheiden. Ein Beispiel: So viele Gegentreffer wie in den letzten drei Spielen (7) habe man „in der Triple-Saison in einer Halbserie bekommen“, sagte er und stellte klar: „Das A und O im Fußball ist eine stabile Defensive.“
Für sein System will er eine Stammelf finden, in der Führungsspieler wie Boateng, Hummels, Alaba („der Kleine muss Profil zeigen“), Martinez (als Sechser), Müller, Robben und Ribery („der funktioniert bei mir“) das Sagen haben. Das wird nicht von jetzt auf gleich gehen, „mit Handauflegen ist es nicht getan, es genügt nicht, dass ich jetzt wieder da bin“. Aber: Stellt sich erst Erfolg ein, arbeitet es sich einfacher.
Gegen Freiburg erwartet Heynckes eine „hochmotivierte Mannschaft“, in der neben den Langzeitverletzten Manuel Neuer und Franck Ribery nur der muskulär angeschlagene Arturo Vidal fehlen wird („kein Risiko“). Er habe das Gefühl, dass die Spieler „Mut geschöpft haben“, sagte Heynckes, und das sei erst mal das Wichtigste. Deutlich wichtiger als all der Krimskrams, der im modernen Fußball „in“ ist. Noch ein Beispiel dafür, wie Heynckes so tickt. Angesprochen auf sein Betreuerteam sagte er: „Ernährungsberater? Das ist bei mir Alfons Schuhbeck.“ Er verzog keine Miene.