Ihre Mittagspausen kann Monika Karsch inzwischen richtig genießen. Sie entspannt sich, schaltet ab, betrachtet die Welt mal nicht durch die Spezialbrille, die ihr Sport erfordert.
An diesem Tag hat sie sich in den Sessel der einsamen Hotellobby sinken lassen. Hinter den großen Fenstern sind die Hallen der Olympia-Schießanlage zu sehen. Auf dem Weg dorthin durchqueren manche Besucher die Lobby. Wenn sie Monika Karsch, die Sportschützin aus Rott am Lech, entdecken, bleiben sie stehen, fragen nach, wie es denn so läuft. Karsch berichtet dann, dass sie gerade wieder mit dem Training angefangen hat.
Wenn die Besucher schließlich weiterziehen, erzählt sie jene Geschichten, die hier, in Garching-Hochbrück, natürlich jeder kennt. Sie erzählt von den Olympischen Spielen in Rio, wo sie im August 2016 mit der Sportpistole eine Silbermedaille erobert hat. Sie erzählt von den Europameisterschaften in Baku, wo sie in diesem März nicht nur Gold gewonnen, sondern auch den Weltrekord eingestellt hat. Und bohrt man etwas nach, dann erzählt Karsch, 34, auch die Geschichten aus der Zeit, als sie in der Lobby noch unbemerkt blieb und ihre Mittagspause damit verbrachte, von der Trainingshalle ins Krankenhaus zu hetzen.
„Ich war damals am Limit“, sagt sie heute. Fast vier Jahre vereinte die Sportschützin den Schichtdienst als Krankenschwester mit den Anforderungen des Leistungssports. Urlaub und Überstunden opferte sie, um zu Wettkämpfen zu reisen. „Frei“, sagt sie, „hatte ich nie.“
Also nahm sie im Jahr 2005 ein Angebot an, das ihr schon zuvor unterbreitet worden war. Monika Karsch trat der Bundeswehr bei. Unter dem Schirm des militärischen Spitzensportprogramms fand sie Trainingsbedingungen vor, die sie als „nahezu perfekt“ beschreibt. Auf ihr Gehalt als Krankenschwester war sie nicht mehr angewiesen. „Ich weiß zu schätzen, wie wertvoll das ist, sich nur auf den Sport konzentrieren zu können.“
Für Sportsoldaten oft Ein-Jahres-Verträge
Zwölf Jahre später glitzert auf Karschs roter Trainingsjacke noch immer das Logo der Bundeswehr. Der Armee dient sie als Hauptfeldwebel – und als Werbefigur. Ihre Vorgesetzten entsenden sie zu Promoveranstaltungen, ihre Erfolge werden in Magazinen und Broschüren veröffentlicht. Mit ihren Medaillengewinnern schmückt sich die Bundeswehr besonders gerne. Sie verbessern das Image einer zuletzt beschädigten Institution.
Die Bundeswehr kämpft nicht nur um ihren Ruf, sondern auch um ihren Nachwuchs. Die Spitzensportler aber laufen ihr noch immer zu, was an den Strukturen liegt, die sich in der Vergangenheit verflochten haben. Vor den Olympischen Spielen 1972 in München beschloss der Bundestag, wehrpflichtige Spitzensportler in der Nähe von sportlichen Leistungszentren zu stationieren. Fortan intensivierte sich die Partnerschaft zwischen Politik, Militär und Sport.
Heute bietet die Bundeswehr 744 Förderstellen an, finanziert durch Steuermittel. Sie ist der größte Sponsor des Spitzensports. Wie viel Geld aber tatsächlich in das Programm fließt und wo genau es herkommt, ist öffentlich nicht dokumentiert. Die Bundeswehr selbst gibt an, in diesem Jahr rund 30 Millionen Euro zur Verfügung zu haben.
Von diesem System profitiert Monika Karsch. Doch kennt sie auch das Risiko, das es bereithält. Die meisten Sportler bindet die Bundeswehr mit Ein-Jahres-Verträgen. Ob diese verlängert werden, wird im Sommer stets neu geprüft – in einem Verfahren, das die Athleten selbst nur schwer durchschauen. „Zum Teil wusste ich im August nicht, wie es im Oktober weitergeht. Das war schon schwierig“, sagt Karsch. Weil sie internationale Bestleistungen verfehlte, zählte sie mehrmals zu den Wackelkandidaten. „Einmal“, berichtet sie, „war ich eigentlich schon draußen.“ Doch im Hinblick auf die Olympischen Spiele erhöhte sich die Anzahl der Stellen. Sie durfte bleiben.
Inzwischen genießt sie das Vertrauen ihres Arbeitgebers. Ihre Medaillen wirken wie ein Schutzschild. Doch sie weiß eben, wie es sich anfühlt, um den Förderplatz bangen zu müssen. „Es geht dann plötzlich nicht mehr nur um sportliche Leistung, sondern um die eigene Existenz“, sagt sie.
Aus Angst vor diesem Szenario arbeitete sie fast vier Jahre im Krankenhaus. Um ihren Lebenslauf zu füllen, nahm sie gleich zwei Vollzeitjobs auf sich. Morgens war sie die Weltklasse-Sportschützin, abends die fleißige Krankenschwester. Sie vereinbarte, was sich eigentlich nicht vereinbaren lässt. Der Bundeswehr schloss sie sich erst an, nachdem sie sich mit Berufserfahrung abgesichert hatte.
Der Förderweg der Bundeswehr hat Monika Karsch an die Weltspitze geführt. Ihr Beispiel offenbart jedoch auch, wie vermint dieser Weg ist – und wie wenig ihm manche Athleten mit Blick auf ihre berufliche Zukunft vertrauen. Die Bundeswehr versteht sich als dualer Ausbilder. Schon auf ihrer Website predigt sie die „Vereinbarkeit von sportlicher Laufbahn und Berufsausbildung“. Doch in den letzten Jahren beklagten Sportsoldaten, oft anonym, die fehlende Perspektive. Nur brodelte diese Debatte fast unbemerkt von der Öffentlichkeit. Dann kam der Fechter Max Hartung – und rüttelte für alle sichtbar an den Grundfesten der deutschen Sportförderung.
Im Februar bestimmte ihn die Athletenkommission des Deutschen Olympischen Sportbunds (DOSB) zum Chefvertreter der Sportler. Nur zwei Tage später sagte Hartung, 28, in einem FAZ-Interview: „Ich halte die Bundeswehr nicht für ein besonders gutes Instrument der Sportförderung.“ Anders als Polizei und Zoll, die ebenfalls Spitzensportler fördern, biete die Bundeswehr keine Berufsausbildung und nur schlechte Chancen, übernommen zu werden. Er, früher selbst von der Bundeswehr gefördert, sei daher überzeugt, „dass man das Geld intelligenter und fairer einsetzen kann.“
Die Kritik des Athletensprechers hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Es gibt viele Funktionäre, die mit ihm reden wollen. Wenn Hartung nicht mit dem Säbel trainiert, tingelt er durchs Land, diskutiert und verhandelt. Auch Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat ihn schon empfangen. Mit Markus Kurczyk hat Hartung sich aber besonders oft getroffen. Der Brigadegeneral der Bundeswehr verantwortet seit einem Jahr als Ausbildungsleiter der Streitkräfte auch die Spitzensportler. „Wir haben uns erst jetzt umfassend die Frage gestellt, wie wir die Athleten nach ihrer Karriere in der Bundeswehr einsetzen können“, gibt Kurczyk zu. Viele Spitzensportler hält er für „geeignete Nachwuchsführungskräfte“.
Nur widerspricht das der Struktur der Bundeswehr. Ihr Programm für Führungskräfte, die Offizierslaufbahn, sieht sogar ein modernes Studium vor. Doch den Sportsoldaten wird dieser Weg bis heute verwehrt. Ihnen bleibt nur die Laufbahn des Feldwebels. „Wir müssen die Offizierlaufbahn für Spitzensportler öffnen“, sagt Kurczyk. „Dazu sind aber ein paar Vorarbeiten notwendig.“ Warum aber werden diese Maßnahmen erst jetzt eingeleitet? Darauf hat auch der General keine Antwort.
Der Drang der Sportsoldaten zum Studium dürfte Kurczyk nicht entgangen sein. Etwa die Hälfte von ihnen nutzt schon jetzt die Angebote der Fernuniversitäten. Ein gewöhnliches Präsenz-Studium ist den Athleten nicht erlaubt, auf die akademische Ausbildung wollen sie trotzdem nicht verzichten. Monika Karsch, die Sportschützin, hat inzwischen ein Abendstudium begonnen. Bis 2020 will sie fertig sein.
Auch die Bundeswehr hat sich Ziele gesetzt. Vor drei Monaten kündigte sie an, an ihrer Militär-Uni in München einen sportwissenschaftlichen Studiengang mit den Schwerpunkten Prävention und Rehabilitation zu entwickeln. Ein Pilotprojekt, das Spitzensportlern endlich die Offizierslaufbahn öffnen soll. Kurczyk glaubt, dass schon 2018 die ersten Kandidaten starten können. Die Bundeswehr-Uni selbst teilte auf Nachfrage mit, den neuen Studiengang „frühestens 2019“ anzubieten. „Ich stelle mir für viele Sportsoldaten eine Karriere auch mit akademischer Laufbahn vor“, sagt Kurczyk. Weitere Studienangebote könnten folgen.
Auch an anderen Stellen rüstet die Bundeswehr nach. Sie will 150 neue Posten für Sportausbilder schaffen. Die Idee: Spitzensportler sollen Freiwillige, die sich in der Armee verpflichtet haben, in Form bringen. Im Gegenzug erhebt der General aber Ansprüche an seine Athleten. Die Bundeswehr, betont er, sei ein Arbeitgeber, kein Sponsor: „Ich möchte keine Schauspieler in Uniform. Ich möchte diejenigen, die ihren Eid leisten, um Deutschland treu zu dienen – und nicht um ihre Sportergänzungsnahrung zu kaufen.“
Johanna Kneer hat ihren Förderplatz beim Militär gerade erst angetreten. Mit 19 Jahren zählt die Ravensburgerin zu den besten Karatekämpferinnen der Welt. Sie träumt von den Olympischen Spielen 2020 in Tokio. „Wenn ich zu Olympia will“, sagt sie, „muss ich zur Bundeswehr“. Die Alternativen sind tatsächlich überschaubar: Die Stiftung Deutsche Sporthilfe betreut zwar 4000 Sportler, schüttet aber nur rund 13 Millionen Euro aus. Individuelle Stipendien in der Wirtschaft gibt es kaum.
Karriere im eigenen Unternehmen
Kneer schätzt die unkomplizierte Zusammenarbeit mit der Bundeswehr. Den Fokus hat sie auf Tokio gerichtet, die eigene Zukunft will sie aber nicht zu sehr vernachlässigen. Ihre Freunde bereiten sich schon jetzt fleißig auf das Berufsleben vor – mit Studien, Ausbildungen und Praktika. Vom Rest ihres Jahrgangs will sich Kneer aber nicht komplett abhängen lassen, weswegen sie an einer Fernuni Medien- und Kommunikationsmanagement studiert.
Ein Weg, den auch der Fechter Max Hartung gewählt hat. Mit 19 Jahren schrieb er sich an der Fernuni Hagen für Psychologie ein. Doch die Situation überforderte ihn, er scheiterte „mit Pauken und Trompeten“, wie er sagt. Auch heute sei die Herausforderung des Fernstudiums „für einen jungen Abiturienten nebenbei fast unmöglich zu meistern“. Den Bachelor holte Hartung nach, nachdem er vorzeitig aus der Bundeswehr ausgetreten war. Er studierte an einer Privat-Uni am Bodensee, die ihm viele Freiheiten gewährte. Auch Monika Karsch hat mit ihrer Hochschule spezielle Verabredungen getroffen, Prüfungen etwa darf sie später schreiben. Auf eine solche Kooperationsbereitschaft der Universitäten sind die Sportler angewiesen. Nur werden ihnen solche Extrawünsche meistens verweigert.
Die Bundeswehr scheint die Kritik der Athleten wahrgenommen zu haben. Sie versucht, den Sportsoldaten eine Karriere im eigenen Unternehmen aufzuzeigen. Ein großer Fortschritt, findet Hartung. Was die Reformen aber tatsächlich bewirken, wird man erst bewerten können, wenn die ersten Sportler das neue Programm durchlaufen haben. Vielleicht wird schon Johanna Kneers Generation profitieren. Das hängt davon ab, wie schnell die Bundeswehr ihre Strukturen ändern kann. Zu lange, glaubt Max Hartung, darf sie nicht warten: „Für die Bundeswehr sind die Sportler ein Asset. Aber ihre Zukunft ist sehr, sehr vernachlässigt worden.“