München – Humpeln musste er nicht mehr, als er neulich öffentlich auftrat, aber dass etwas nicht stimmte, konnte Johannes Lochner schwer verheimlichen. Dazu genügte ein Blick auf seine Füße. Die steckten in Birkenstock-Sandalen. Weil der Rest des Athletenkörpers dem Anlass – einer Wiesn-Einladung – entsprechend in Tracht steckte, war es ein Kontrast von maximaler Schärfe. „Wia a kloana Preiß“ fühlte sich Lochner in diesem Moment.
Die Haferlschuhe hat er beim besten Willen nicht anziehen können, nachdem ihm im Trainingslager eine Hantelstange auf den Fuß gefallen war. Von seinem Zehennagel musste sich der Athlet vom Königssee verabschieden, aber Bobpiloten sind ja harte Kerle. So eine Blessur ist fast noch eine Bagatelle.
Das Fazit von Bundestrainer Rene Spies, dass die Piloten in der Saisonvorbereitung „gut durchgekommen“ seien, hat trotz des Malheurs Bestand. Vier Wochen vor dem Saisonstart in Lake Placid herrscht eine Mischung aus Vorfreude und Optimismus, wie es um diese Zeit üblich ist, aber auch eine ganz unübliche Ungewissheit und Anspannung. Nicht nur die nahenden Winterspiele in Pyeongchang beschäftigen die Teams des BSD. Sondern auch die internen Rivalitäten, die seit diesem Jahr eine spezielle Qualität haben.
Schon letzten Winter hat die Branche fasziniert auf die Deutschen geschaut, die mit zwei grundverschiedenen Systemen an den Start gingen: Den Schlitten des etablierten Partners FES (Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten) und des österreichischen Unternehmers Hannes Wallner. Der Sachse Francesco Friedrich pendelte zwischen FES (Zweier) und Wallner (Vierer) hin und her, was ihn nicht davon abhielt, in beiden Bobs Weltmeister zu werden (im Vierer zeitgleich mit Lochner). Mittlerweile herrscht bei jedem Klarheit. Insgesamt aber ist alles noch verworrener.
Während Friedrich und Lochner den Wallner-Bob fahren, sitzt Nico Walther im FES-Schlitten. Und wenn man die Athleten auf diese Konstellation anspricht, fallen auch mal Worte wie „Industriespionage“ und „Existenzangst“. Dass alle aus diesem Trio den BSD repräsentieren, wird auf den ersten Blick gar nicht mehr deutlich. An diesem Wochenende zum Beispiel testen die Wallner-Piloten im Windkanal des Technikpartners BMW. Walther hat sich derweil um einen Termin bei VW bemüht.
Das mit VW kann Lochner sogar verstehen: „Er will halt seine Geheimnisse nicht verraten.“ Zweigleisig zu fahren wie die Deutschen, funktioniere nun mal nur, „wenn man es strikt macht“. Jeder in diesem technikversessenen Sport interessiert sich für jedes Detail, das womöglich den Rivalen um einen Sekundenbruchteil schneller macht. Ein Pilot, der für sein ganzes Team verantwortlich ist, muss sich da abschotten, schon aus Selbstschutz: „Da geht es auch um Existenzen.“
Noch weiß im deutschen Lager niemand, wie weit die Modelle im Ernstfall auseinander liegen und wer am Ende die richtige Wahl getroffen hat. Bundestrainer Spies könnte sich vorstellen, dass zwei grundverschiedene Entscheidungen sogar zum selben Ergebnis führen: „Am Ende wird nicht das Niveau der Geräte entscheiden, weil das relativ gleich ist.“ Sondern das Befinden des Athleten. „Wenn du dich wohlfühlst, bist du eine Zehntelsekunde schneller.“
Die Frage, wie flott Nico Walther unterwegs ist, beeindruckt Francesco Friedrich herzlich wenig. „Ehrlich gesagt habe ich mich dafür nie interessiert“, entgegnet er kühl, „ich habe genügend andere Baustellen.“ Bobfahrer sind geübt darin, sich nur um das zu kümmern, was unmittelbar vor ihnen liegt, und den Rest auszublenden. Und doch werden die Wallner-Piloten im Winter nicht nur den Tunnelblick aufsetzen können.
Wenn jeder für sich kämpft, wird es schwierig werden. Andere Nationen arbeiten nun auch mit Wallner zusammen, dessen Produkte als die schnellsten gelten und von dem Lochner sagt, er sei „nicht nur Schlittenhersteller, sondern Freund“. Er vertraut ihm so bedingungslos, dass er sich schon jetzt festlegt: „Ich werde mein Leben lang Wallner-Bobs fahren.“ Die Bedingungen sind für alle vergleichbar, ob Kanadier, Russen, Letten oder Deutsche. Da heißt es, interne Rivalitäten zurückzustellen.
Dass jeder seine kleinen Geheimnisse für sich behält, damit kann Lochner leben. „Aber um das Grundgerät schnell zu machen, müssen wir zusammenarbeiten.“ Daran führe kein Weg vorbei, „sonst passiert es uns, dass keiner auf dem Podest steht und die Konkurrenz uns um die Ohren fährt.“ An Friedrichs Adresse sagt er: „Ich hoffe, er sieht es genauso.“
Wie Francesco Friedrich es sieht, ist noch nicht ganz klar. Spricht man ihn auf die Notwendigkeit an, enger zusammen zu rücken, nennt er das vage einen „Prozess, der sich entwickeln muss“. Vielleicht sieht er es in Wahrheit so wie Lochner. Vielleicht ist auch noch etwas Überredungsarbeit nötig. Es kann aber auch sein, dass er ein so sensibles Thema ganz einfach nicht in der Öffentlichkeit debattieren wird. Rene Spies bereiten die vielen Konkurrenzkämpfe – Lochner gegen Friedrich, beide gegen Walther, Deutschland gegen den Rest der Welt – jedenfalls keine Sorge: „Ich bin da relativ entspannt.“ Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft.