Frühlingsgefühle im Herbst

von Redaktion

In Jupp Heynckes erwacht die alte Liebe Champions League: „FC Bayern hat da Ambitionen“

VON ANDREAS WERNER

München – Der Mann sieht top aus, Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt muss fürchten, seinen Ruf als jüngster Senior von München an Jupp Heynckes zu verlieren. Man muss schon sehr genau hinschauen, um den Verschleiß der 72 Lebensjahre zu sehen; gestern etwa wurde deutlich, dass das Haupthaar zwar nichts an seiner Fülle verloren hat, inzwischen aber doch von Grau ins Weiß gewechselt ist. Aber das hat ja auch Charme. Der Bayern-Trainer trug auf der Pressekonferenz zum Spiel gegen Celtic Glasgow ein weißes Shirt, das mit dem Schopf beneidenswert korrespondierte.

Jupp Heynckes macht eine gute Figur, rüstig, zupackend, die Arbeit mache ihm „jetzt wieder Spaß“, gestand er, was interessant war, weil aus dieser Aussage die Zweifel herauszufiltern waren, die er vor seiner vierten Amtszeit beim deutschen Rekordmeister gespürt hatte. Mittlerweile sehe er, wie die Spieler seine Vorgaben umsetzen, so der Trainer, „es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir wieder richtig guten Fußball spielen“. Jerome Boateng versicherte ebenfalls, dass „wir Spieler wieder Spaß haben“ – und so dürften die Fans beruhigt sein: Wenn ein FC Bayern gerade erst den SC Freiburg mit 5:0 recht ordentlich vermöbelt hat und dennoch besseren Fußball verspricht, ist dieser weltweit berühmte „Mia-san-mia“-Klub wieder auf dem besten Weg zu alter berühmter Stärke.

Mit Celtic macht heute der nächste dankbare Aufbaugegner seine Aufwartung, die Bayern können es sich also erlauben, sich noch eine Weile von ihren Frühlingsgefühlen im Herbst tragen zu lassen. Fußball hat viel mit Legendenbildung zu tun, bis auf Weiteres hat sich Heynckes die Rolle des Münchner Miraculix gesichert; zwar rührt er keinen Zaubertrank an wie der ebenfalls schlohweiße Druide bei Asterix – und dennoch scheint er genauso auf Heilkräfte vertrauen zu können. Der erste Lackmustest der neuen Münchner Schlagkraft steht aber erst nächste Woche an; binnen zehn Tagen ist zwei Mal ein Kräftemessen mit Leipzig sowie einmal mit Dortmund angesetzt.

Nach den ersten Tagen des Josef „Jupp“ Heynckes rätselt man gemeinhin: Ist es so einfach – einmal Handauflegen? Fakt ist, dass der Coach die Stimmung mit vielen Einzelgesprächen aufgehellt hat. Er selbst, das machte er gestern wieder einmal deutlich, lässt sich dabei nicht allein von Frühlingsgefühlen leiten. Das 5:0 über Freiburg wurde „sehr kritisch analysiert“, zudem ist Celtic bereits sorgfältig vorbereitet. Sechs Mal in Serie wurde der Klub Meister, vergangene Saison trotzte er in der Champions League Manchester City und Gladbach jeweils ein Remis ab, und Trainer Brendan Rodgers habe schon einmal Liverpool trainiert – „das wissen wir alle“, erläuterte Heynckes. Mit jedem Wort und jedem Blick unter seinem Miraculix-Schopf hervor signalisierte er, dass ihm keiner was vormachen kann.

Javi Martinez fällt mit seiner Schultererletzung mindestens zwei Spiele aus, als erster Vertreter auf der Sechserposition gilt Arturo Vidal, der zuletzt angeschlagen war, nun aber „gut und normal trainiert“ habe. Dass die Bayern in der Offensive nur noch wenig Pulver hätten, bestritt Heynckes. Franck Ribery fehle numerisch, klar, „aber Thomas Müller nimmt Fahrt auf, und er kann auch auf dem Flügel spielen – wir haben Alternativen“, sagte der Coach. Sein Vorgänger Carlo Ancelotti hatte kurioserweise immer wieder geäußert, Müller sei kein Mann für die Flanke.

Das Geheimnis des Handauflegens ist wohl schon zu einem Großteil, dass Heynckes die Münchner Befindlichkeiten bestens kennt. Und dazu eben auch so agil ist. Gestern saß er mit roten Backen auf dem Podium. Man habe „neue Trainingsreize gesetzt“, sagte er, und man sah ihm an: Tut ihm gut, das alles, die neuen Reize etc. „Der FC Bayern ist ein Klub, der in der Champions League Ambitionen hat – die Mannschaft, und ich auch“, sagte er. Es ist sicherlich zu früh, Heynckes Wunder zuzuschreiben. Momentan aber macht alles den Eindruck, als würden gerade eher die Gegner alt aussehen.

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