Sachertorte mit Salz

von Redaktion

David Alaba war Jahre ein Genuss, dann sackte er ab – unter Jupp Heynckes geht es wieder aufwärts

VON ANDREAS WERNER

München – Als sich der FC Bayern und RB Leipzig im vergangenen Mai das letzte Mal zu einem denkwürdigen Spitzenspiel einfanden, ist es turbulent zugegangen. 5:4 endete die Partie aus Münchner Sicht, die entscheidenden Tore fielen nach der 90. Minute. Der gefeierte Held war Arjen Robben mit seinem finalen Treffer, doch auch David Alaba sicherte sich an jenem Samstagabend einen Spitzenplatz in der Bestenliste. Er hatte das 4:4 mit einem Freistoß aus 22 Metern besorgt. Wunderbar. Küss die Hand.

Der gebürtige Wiener David Alaba ist über Jahre ein Genuss gewesen, so etwas wie die Sachertorte im Spiel der Münchner. Vor allem Pep Guardiola hatte Geschmack an dem Linksfuß gefunden. Der Katalane verschob Alaba mit viel Lust in den Reihen zwischen Mittelfeld und Abwehr, und der Österreicher erfüllte jede Aufgabe mit ebenso großer Lust. Am liebsten hätte Guardiola seinen Musterschüler mit nach Manchester genommen, doch solche Gedankenspiele verbaten sich die Bosse an der Säbener Straße umgehend. Alaba, der mit 16 Jahren in die Juniorenabteilung des Rekordmeisters integriert wurde, galt schon früh als einer der Spieler, um den das Profiteam der Zukunft gebastelt werden sollte. „Ich hab’ da einen, der ist fertig, der kann Bundesliga spielen, sofort“, hatte Hermann Gerland im Sommer 2009 gesagt. Er meinte Alaba, der als letzter Jungspund den Sprung zu Bayerns Profis schaffte.

Inzwischen ist das Juwel 25 Jahre alt, doch die Sachertorte hatte zuletzt plötzlich einen salzigen Beigeschmack. Die Gründe des Absackens der Leistung sind dabei vielfältig. Carlo Ancelotti zeigte kein besonderes Interesse daran, Alabas Vielseitigkeit zu nutzen. Doch das Hauptproblem, so hieß es hinter den Kulissen, war schon der Spieler selbst. Sie bekamen ihn irgendwie nicht mehr so recht in Griff, im Kopf des Österreichers spukte zu viel herum. Auch im Fall Alaba ruhen die Hoffnungen auf Jupp Heynckes, der den Allrounder einst wie schon Vorgänger Louis van Gaal mit viel Detailliebe betreut hat. „Der kleine Alaba muss Profil gewinnen“, hatte der Coach bei seinem Dienstantritt nun gesagt. Auch in der Ferne ist dem Coach während seiner Auszeit aufgefallen, dass der kleine David auf dem Weg zum großen Alaba ins Wanken gekommen war.

„Ich bin 25, ich bin jetzt schon eine ganze Weile dabei – ich habe selbst an mich den Anspruch, hier den nächsten Schritt zu machen, als Persönlichkeit“, sagte Alaba dieser Tage, als er auf Heynckes’ Appell angesprochen wurde. Tatsächlich wirkt auch er seit der Rückkehr seines einstigen Förderers wieder motivierter; zuletzt bildete er mit Kingsley Coman eine starke neue linke Flanke, die fast schon an das Wirbelspiel mit seinem langjährigen Partner Franck Ribery erinnerte. Auch da liegt ja ein Kern des Problems; Alaba sieht sich auf Dauer eher als zentraler Mittelfeldspieler, in Österreichs Nationalelf aber blieb er jeglichen Nachweis seiner Extraklasse auf diesem Betätigungsfeld schuldig. Es ist eine Kopfsache, ihm zumindest für die nähere Zukunft zu vermitteln, dass sich als linker Verteidiger in seiner Form von einst weltweit kein Besserer findet. Das Mittelfeld läuft ihm nicht davon, zunächst aber geht es darum, generell wieder der Alaba vergangener Tage zu werden.

„Wir sind auf einem guten Weg“, sagte der Österreicher nach dem 3:0 über Celtic, „in den letzten Spielen konnten wir viel Selbstvertrauen tanken.“ Morgen steht mit dem Pokalspiel in Leipzig der erste große Lackmustest für die neuen, alten Heynckes-Bayern an. Sollte Alaba wieder so ein Kunstschuss wie im Mai gelingen, wäre das ein Beweis, dass er dem Bayern-Spiel endlich wieder Zutaten beimischt, die an den Genuss einer Sachertorte erinnern.

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