Himmelfahrtskommando? „Der geilste Job“

von Redaktion

Der Steirer Jürgen Graller macht Wirbel, um die deutschen Ski-Damen aus dem Tal zu führen – DSV-Männer als Vorbild

Von Jörg Köhle

Sölden – Neulich beim Medientag im Zillertal war das ganze Malheur schön zu beobachten. Bei den deutschen Herren marschierten alle auf, die Abfahrer Pepi Ferstl und Thomas Dreßen, die Techniker mit Felix Neureuther, Linus Straßer, Stefan Luitz, sogar der um seine Rückkehr bemühte Fritz Dopfer. Und dann – Tusch! – die Damenmannschaft: Viktoria Rebensburg, Viktoria Rebensburg und nochmal Viktoria Rebensburg. Sonst niemand. Oder doch: Ein neuer Mann, der den kränkelnden deutschen Damen-Ski-Rennsport wieder in die Spur führen soll. Manche sprechen beim aktuellen Zustand von einem Himmelfahrtskommando, aber Jürgen Graller, gebürtiger Österreicher aus der Steiermark, versprüht seit 1. April Begeisterung und Angriffslust. „Weil ich den geilsten Job der Welt habe.“ Als Cheftrainer der deutschen Skidamen kann er – angesichts der gegebenen Ausgangssituation – eigentlich nur gewinnen.

Außer Rebensburg erschreckend wenig

Der Ist-Zustand in Zahlen liest sich erschreckend: In Gesamtweltcup, Abfahrt, Super-G und Riesenslalom taucht in den Ranglisten jeweils nur eine in den Top 40 (!) auf: Rebensburg (9. im Gesamtweltcup, 7. in der Abfahrt, 10. im Super-G, 8. im Riesenslalom). Graller ist gut befreundet mit dem Vorarlberger Mathias Berthold, der die deutschen Männer wieder zu einer beständigen Größe im Weltcup formte – warum soll das nicht auch bei den Frauen gelingen? „Ich habe den Mädels gesagt: Wir zeigen ihnen schon, dass wir besser sind, als sie glauben.“ Man spürt sofort, wie der 46-Jährige, ein guter Typ, als Nachfolger des Garmisch-Partenkirchners Markus Anwander das Feuer neu entfacht. Genau so einen Motivator hatte Sportdirektor Wolfgang Maier nach der vergangenen Saison, wo der Stillstand zum Rückschritt zu mutieren drohte, gesucht. „Die Psychologie, wie du die Mädels an die Hand nimmst, das schmeißt dich nicht einen, sondern zwei oder drei Schritte nach vorne“, weiß Maier aus seiner eigenen Zeit als Damencheftrainer. „Vielleicht konnten wir die Mädels zuletzt nicht richtig abholen.“ Bei den Männern haben das österreichische Knowhow und die motivierenden Umgangsformen auch irgendwann Wirkung gezeigt.

Kreuzbandriss stoppt Leni Schmotz

Misere hin oder her, Jürgen Graller sagt: „Die Aufgabe ist nicht unlösbar.“ Bei Mädchen wie etwa Jessica Hilzinger (Oberstdorf), Katrin Hirtl-Stangassinger (Königssee) Lucia Rispler (Kleinwalsertal), im Speedbereich Michaela Wenig (Lenggries) und Kira Weidle (Starnberg) habe er durchaus Ansätze für eine zügigere Entwicklung beobachtet. Bei Slalom-Fahrerin Leni Schmotz vom SC Leitzachtal, ist die Entwicklung erst mal wieder gestoppt, kurz vor ihrem geplanten Start beim Weltcup-Auftakt am kommenden Samstag im Riesenslalom von Sölden zog sie sich im Training einen Kreuzbandriss zu. Die Olympiasaison ist beendet, ehe sie begonnen hatte.

Als Jürgen Graller loslegte im Frühjahr, hat er den Frauen-Laden erstmal gründlich umgekrempelt, „am Anfang ziemlich viel Wirbel gemacht“. Als grundlegende Änderung habe er die verschiedenen Einzelgruppen wieder zu einer Großgruppe zusammengelegt, ohne eine individuelle Betreuung der Vorzeige- und Vielfahrerin Rebensburg gänzlich zu vernachlässigen. Dank Graller sei jetzt vieles leichter geworden, sagt die 28-Jährige, „er hat extrem gute Connections zu Bergbahnen und Trainingspisten.“ Naturgemäß auch zu den ehemaligen Kollegen bei den Österreichern, wenn es um Trainingsgemeinschaften geht. Mit seinem neu zusammengestellten Trainerstab tauscht sich Jürgen Graller ständig aus, mehrmals am Tag: „Viel reden ist wichtig, wir reden, wie man am schnellsten vom blauen zum roten Tor kommt.“ Skirennsport kann manchmal so einfach klingen.

„Als Rennfahrer eine ziemliche Pflaume“

Jürgen Graller stand 18 Jahre beim Österreichischen Skiverband in Europa-und Weltcup in der Verantwortung, wechselte alle paar Jahre zwischen Damen und Herren hin und her. Zwischen 2005 und 2009 gewann er mit der Weltcup-Damenmannschaft zwei Goldmedaillen bei den Olympischen Winterspielen (2006) sowie vier Medaillen bei den Weltmeisterschaften (2007 und 2009). Aber jetzt darf er die Achillessehne beim deutschen Skiverband operieren. Bei Zahlen und Ergebnissen wagt er keine Prognosen, was er aber versprechen will: „Dass wir uns anders präsentieren als in der Vergangenheit. Ich fordere eine mutige, dynamische Damenmannschaft. Mit einer Dynamik, wie sie bei den Herren im Riesenslalom zu sehen ist. Das hat mir auf den Videos bei den Damen gefehlt.“

An Dynamik hätte es Jürgen Graller früher auch bei den Versuchen nicht gemangelt, eine eigene Karriere als Skirennsportler einzuschlagen. Dafür an manch anderen Erfordernissen. „Das war ein ziemlicher Flop“, erinnert er sich amüsiert. Während der gleichaltrige Kumpel Hans Knauß aus Schladming, gegen den er früher noch bei FIS-Rennen antrat, rasant im Weltcup durchstartete, musste Jürgen Graller bald ernüchtert einsehen: „Ich war eine ziemliche Pflaume. Aber ich habe es gern getan.“ Schnell wechselte er in den Trainerbereich und fand hier seine eigentliche Berufung.

Jetzt mit der neuen Herausforderung bei den deutschen Ski-Damen – diesem geilen Himmelfahrtskommando.

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