„Ich würde immer wieder Rennen reiten“

von Redaktion

Die Jockeys Peter Heugl und Anne von Rosen sind querschnittgelähmt – in ihrem Leben aber trotzdem voller Hoffnung

Von Michael Luxenburger

München – Der Galopprennsport ist momentan wieder im Gespräch. Positiv durch ein wahrhaft königliches Meeting am vergangenen Wochenende mit Umsatzrekorden und umgerechnet mehr als 4,5 Millionen Preisgeld am Champions Day im englischen Ascot unter den Augen der Queen. Doch in den Wochen davor waren alle wieder daran erinnert worden, wie gefährlich dieser Sport ist: Es gab drei Tote.

Am 8. Oktober erlitt der Jockey Anthony Deau (47) bei einem Sturz im Hippodrom von Mons in Belgien tödliche Kopfverletzungen. Zwei Tage später wurde der Pferdepfleger Ken Dooley im Stallgelände der Rennbahn im englischen Kempton von einem auskeilenden Pferd getroffen, er starb noch auf der Bahn. Im Juni war im nordenglischen Haydock der Starthelfer Stephen Yarborough von der Startmaschine überrollt worden, er erlag seinen schweren inneren Verletzungen.

Mit dem Leben kamen dagegen die Jockeys Anne von Rosen und der auch in München durch sein Engagement bei Trainerin Jutta Mayer bestens bekannte Peter Heugl nach schlimmen Stürzen davon – doch ihr Leben ist nicht mehr dasselbe wie zuvor. Nur ein paar Sekunden haben alles verändert.

Es kann in der Morgenarbeit passieren oder im Rennen. Im Februar dieses Jahres erlitt der englische Jockey George Baker bei einem Sturz am White Turf in St. Moritz, der durch einen Riss in der Eisdecke verursacht worden war, eine Gehirnblutung. Drei Monate zuvor war Freddy Tylicki, Sohn des früheren deutschen Jockeystars Andrzej Tylicki, Opfer eines fürchterlichen Massensturzes auf der Sandbahn in Kempton geworden. Er ist seither querschnittgelähmt. Dieses Schicksal teilt er mit einigen anderen Jockeys, unter ihnen von Rosen und Heugl.

Es war ein ganz normaler Renntag im November 2014 auf ihrer Heimatbahn Turf Paradise in Phoenix/Arizona. Anne von Rosen war guter Dinge gewesen, sie hatte sieben Ritte, und allen Pferden gab sie eine gute Siegchance. „Ich war sicher, dass ich einen guten und erfolgreichen Tag haben würde“, sagt die in Fulda geborene und 1998 in die USA ausgewanderte Rennreiterin. Im Rennen für die Quarterhorses, die auf den extremen Kurzstrecken aus der Maschine schießen wie Kanonenkugeln, ritt sie Panchita Bonita. „Sie ist als Erste abgesprungen und erst kurz vor dem Ziel überholt worden. Ich war beim Ausgaloppieren ganz stolz auf sie“, erinnert sich Anne.

Doch dann der Schock: Die Stute stürzt, Anne wird von einer halben Tonne Pferd begraben. „Mein linkes Bein ist im Bügel hängengeblieben, aber zum Glück hat das ein anderer Jockey gesehen. Er ist vom Pferd gesprungen und hat mein Bein rausgenommen. Sonst wäre ich jetzt wohl nicht mehr am Leben, denn die Stute ist kurz danach aufgestanden.“

Die 45-Jährige, die bei rund 4000 Ritten knapp 700 Siege feierte, kann sich noch genau an den Moment erinnern, als sie auf der knallharten Grasbahn liegend wieder zu Bewusstsein kam: „Ich spürte sofort, dass ich sie nicht spüren konnte, meine Beine. Ich wusste, was das bedeutet. Aber ich blieb trotzdem irgendwie ganz ruhig. Ich war mir ganz sicher, dass es wieder in Ordnung kommen würde.“

Peter Heugl hatte vor dem schicksalhaften Tag wenig Grund gehabt, seine Stute Nivra zu loben. Damals arbeitete er am Stall von Trainer Waldemar Hickst in Köln. „Es ist am 6. Mai 2009 passiert. Die Stute war schon sehr speziell, quasi mein persönlicher Pflegefall jeden Morgen.“ Diese Beziehung endete mit schlimmen Folgen für beide. „Ich wollte ganz gemütlich loshoppeln, doch beim ersten Galoppsprung dachte ich mir: No control.“ Die Stute hat sich dann wohl mit ihrem Reiter dreimal überschlagen, das zeigten die Spuren auf der frisch geeggten Sandbahn.

Heugl selbst hat keine Erinnerung an den Unfall, gesehen hat ihn auch niemand. Nivra brach sich den Rücken, ihr Reiter den fünften und sechsten Brustwirbelkörper. Er war sofort komplett querschnittgelähmt. „Ich hab gleich gewusst, dass da was im Argen war. Ich hab mir gedacht: Scheiße, das war’s.“ Der gebürtige Wiener lag eine Weile so da. Dann das Übliche. Rettungswagen, Infusion, der Hubschrauber. „Ich wollt’ schon immer mal Hubschrauber fliegen, aber nicht so.“ Im Krankenhaus bekam er sofort die Diagnose: Querschnittlähmung.

Anne von Rosen wurde die niederschmetternde Nachricht auch sofort mitgeteilt, im Krankenhaus in Phoenix. „Aber ich habe allen gesagt, dass ich wieder gehen werde. Auch wenn mir gesagt wurde, dass ich keine Chance hätte. Habe einfach nicht hingehört. Ich bin halt stur“, sagt sie lachend. Sie hatte sich die Rückenwirbel T4 und T5 gebrochen.

Die 45-Jährige stammt aus einer Arztfamilie, Vater Jürgen und Bruder Martin sind in Deutschland angesehene Fachmediziner für ganzheitliche Naturheilkunde. Ihr Vater flog sofort in die USA. Einen Monat danach wurde Anne nach Frankfurt in eine Spezialklinik gebracht. Dort blieb sie ein halbes Jahr. „Mein Vater konnte mich jedes Wochenende nach Hause abholen. Das war schön“, erinnert sie sich.

Auch Heugl konnte sich auf Familie, Kollegen und Freunde verlassen. „Ich hab’ echt Glück gehabt, viele Menschen um mich zu haben, die mich unterstützt und begleitet haben. Neben meiner Familie einer ganz speziell: der Subi.“ Mit Andreas Suborics, dem früheren Jockey-Kollegen und heutigen Trainer, dem Spezi schon aus alten Wiener und Münchner Zeiten, ist Heugl heute noch eng befreundet. Ein Dreivierteljahr dauerten die Behandlungen in Klinik und Reha. „Mein Dank gilt den vielen Physiotherapeuten, die mich auf ein selbstständiges Leben vorbereitet und meinen Restkörper fit fürs neue Leben gemacht haben“, sagt der 47-Jährige mit dem ihm eigenen Wiener Schmäh. „Nach einem so einschneidenden Ereignis fängst du bei allem wieder bei Null an, egal wie simpel es auch sein mag.“

Bei Null anfangen, das musste Anne von Rosen genauso. Zuvor hatte sie noch weitere Versuche unternommen, ihrem Ziel, wieder laufen zu können, näher zu kommen. In Puerto Rico war sie bei einem Fachmann für Electro-neuro Modulartherapie. „Der Arzt nadelt direkt an die Haut, die das Rückenmark einhüllt, und stimuliert sie elektrisch. Das schmerzt extrem, aber die Therapie ist effektiv.“ So effektiv, dass sie problemlos Auto fahren kann und noch mehr: „Mittlerweile mache ich eigentlich alles alleine: Einkaufen, kochen, mit dem Hund raus – bis auf Haus putzen und Gartenarbeit.“ Und sie kann mit Hilfe von Beinschienen und Rollator wieder gehen, wenn auch nur sehr langsam. Sogar auf einem Pferd gesessen ist die eiserne Anne schon wieder.

Das kostet alles eine Menge Geld. Wie bei Freddy Tylicki, für den der britische Rennsportsender „At The Races“ eine Spendenaktion initiierte, die einen satten sechsstelligen Betrag einbrachte, half auch Heugl „eine unglaubliche Spendenaktion in der Rennsportszene“. Sie ermöglichte es ihm, Auto und Wohnung behindertengerecht umbauen zu lassen. Zudem war er über die Berufsgenossenschaft gut versichert, „da es mir schon bewusst war, dass ich einen riskanten Sport betreibe“.

Bei Anne von Rosen sieht es leider etwas anders aus, denn in den USA ist man im Krankheitsfall nicht so gut abgesichert. „Finanziell ist es schwer“, räumt Anne ein. „Ich muss halt sehen, dass ich wieder laufen kann, bevor mir das Geld ausgeht.“

„Es ist ein Riesenvorteil, wenn man Leistungssportler ist und Sinn fürs Training hat“, erklärt Heugl. Er hat jetzt eben ein neues Sportgerät entdeckt: das Handbike. „Das macht mir echt viel Spaß. Ein bisserl Freiheit, Tempo, Spaß, Risiko! Mein Rekord liegt bei 86 km/h auf Lanzarote – natürlich bergab“, sagt er schmunzelnd. Genau wie seine Kollegin macht Heugl den Rennsport nicht für sein Handicap verantwortlich: „Ich würde immer wieder Rennen reiten, weil es für mich nichts Schöneres gibt oder gab. Es war für mich auch nie ein Job oder Beruf – eher Berufung.“

Sie haben ihr Leben trotz ihres Handicaps im Griff und Freude daran, auch wenn beide einräumen, dass es immer wieder Rückschläge gegeben hat. Heugl: „Natürlich hast du Phasen, in denen du denkst: Alter Fuchs, das wird nicht mehr. Aber verzweifelt, das war ich nicht. Sicher nicht glücklich, keine Frage. Ich kann auch nicht einschätzen, ob ich so stark bin. Ich bin einfach ich. Am Ende gibt es doch nur zwei Lebensmöglichkeiten: Sich hängen lassen und dahinvegetieren, im Bett und auf der Couch herumgammeln und Alk im Kopf haben. Oder aber Arsch von der Wand und vorwärts! Das ist mein Motto.“

Anne von Rosen formuliert es so: „Es ist möglich, es zu schaffen. Auch wenn es viel länger dauert und viel schwerer ist, als mein Vater, der mir sehr viel Kraft gibt, und ich gedacht haben. Aber jeder kleine Fortschritt gibt mir Mut. Außerdem muss ich den Ärzten ja zeigen, dass sie Unrecht hatten. Und ich muss all denen Mut geben, die sich in meiner Situation befinden. Denn wenn ich es mit einer kompletten Durchtrennung des Rückenmarks schaffe, dann können es andere, deren Rückenmark vielleicht nur gequetscht ist, auch schaffen.“

Worte voller Mut. Auch wenn diese verdammten paar Sekunden vieles verändert haben im Leben der früher so erfolgreichen Rennreiter.

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