München – Dass Jupp Heynckes den Profis des FC Bayern guttut, wird jedem klar, der das Glück hat, ein paar Minuten mit dem Trainer in einem Raum zu verbringen. Gestern würzte er seine Pressekonferenz mit einer gelungenen Parodie auf die Kultfigur Hermann Gerland („zum Pokalfinale nach Berlin, da fliegst du nicht hin, Jupp, da schwebst du hin!“). Zudem schüttelte er sich bei der Frage, ob er den Energydrink, der hinter RB Leipzig steht, schon einmal probiert habe. Nein, er trinke Mineralwasser, ohne Kohlensäure, sagte er, das habe er in Spanien gelernt. Und gerade im Alter, so der Arzt, müsse man viel trinken. Viel Wasser, meinte er.
Dass der Sponsor des heutigen Pokalgegners laut Slogan „Flügel verleiht“, dürfte Heynckes selbst ohne Kostprobe bekannt sein. Auch mit 72 ist er ja nicht weltfremd. Wem werden heute die Flügel gestutzt? Der sächsische Emporkömmling arbeitet auf vielen Gebieten moderner als der FC Bayern, der gerade aktuell hauptsächlich auf Heynckes baut. Ein Vergleich:
Die Kader
Heynckes schwärmte von „Spielern mit viel Fantasie“ – er meinte damit die Leipziger. Generell hätten die Sachsen „viel richtig gemacht, man hat strategisch und konzeptionell ein junges, hochtalentiertes Team zusammengestellt“. Der Münchner Coach erwartet heute Abend „ein intensives, dramatisches Spiel – ein Ende vermag ich nicht vorherzusagen“. Die Bayern setzen vor allem Erfahrung entgegen, bei den ersten Duellen im Vorjahr zeigten sie Leipzigs Jungspunden Grenzen auf. Die Münchner sind allerdings in die Jahre gekommen, und verbrieft ist, dass sie das eine oder andere Talent des Tabellennachbarn auch gerne bei sich sähen; Naby Keita allen voran, Dayot Upamecano und Timo Werner wecken ebenso Gelüste.
Die Trainer
Leipzigs Ralph Hasenhüttl, früher Stürmer bei Bayern II, lässt seine Spieler gegen den Ball arbeiten und setzt auf Konter. Das Umschaltspiel ist mörderisch und funktioniert sogar in der Champions League. Den Bayern attestiert er inzwischen Heynckes’ Handschrift: „Sie sind kompakter und haben wieder die Bereitschaft, den Ball zu jagen. Da steht ein Bollwerk auf dem Platz.“ Leipzigs Sportdirektor Ralf Rangnick sagte nun der „Sport Bild“, Hasenhüttl habe „das Zeug dazu, auch die Bayern zu trainieren. Er kann jede Mannschaft der Welt trainieren.“ Heynckes arbeitet unermüdlich. Den freien Montag verbrachte er an der Säbener Straße mit Videoanalysen der Leipziger. Zudem machte er Sport, Gymnastik, Radfahren, Krafttraining. Warum er nicht nach Hause geflogen sei, zur Familie, wurde er gefragt. Der 72-Jährige schüttelte nur den Kopf: „Das ist unmöglich, private Auszeit ist nicht drin – irgendwann mal wieder.“ Jupp Heynckes brennt.
Das Konzept
Die Leipziger haben unter der Führung von Ralf Rangnick ein Scoutingnetz, dem kaum ein auf sie zugeschnittenes Talent entgeht. Keita etwa wurde beim FC Istres in der zweiten französischen Liga entdeckt. Leipzig profitiert vom Austausch mit der Salzburger Filiale, doch Heynckes kanzelt die Diskussionen um den potenten Geldgeber hinter allem als – wie hintersinnig – „überflüssig“ ab: „Andere haben die gleichen Möglichkeiten.“ Die Bayern versuchen mit ihrem Campus, auch mehr Talente der Marke Leipzig heranzuziehen. Jochen Sauer wurde als Geschäftsführer extra aus Salzburg losgeeist, was im Grunde den Tatbestand der Industriespionage erfüllt. „Talente müssen immer ein Teil einer Klubstrategie sein“, forderte Heynckes, der gestern zugab, die eigene U 23 „noch nicht richtig beurteilen zu können“.
Aktuelles Personal
Leipzig bangt um Bruma und Stefan Ilsanker. Bei Bayern soll Mats Hummels trotz Kapselbeschwerden auf die Zähne beißen, ebenso dürfte die Knieprellung von Kingsley Coman kein Problem sein. Javi Martinez stieg wieder ins Training ein, Einsatz offen. „Es wird ein Leckerbissen, mit Könnern auf beiden Seiten“, verspricht Heynckes.