Sölden – Marcel Hirscher wird am kommenden Sonntag vor dem Fernseher Platz nehmen und die Schlacht im Eis relaxt und gleichzeitig traurig verfolgen. Nach einem Knöchelbruch im August fehlen ihm noch schmerzfreie Schneetage, um sich der Herausforderung Rettenbachgletscher zu stellen. Dann bleibt er gleich daheim, „der Wirbel in Sölden ist eh nicht meine Sache“. Und vor dem Bildschirm „kann ich auch viel lernen“, sagt er mit einem leichten Schmunzeln. Was ein sechsfacher Gesamtweltcupsieger sich noch abschauen möchte bei Felix Neureuther, Alexis Pinturault oder Ted Ligety? Wie die Konkurrenz das neue Ski-Material über den Steilhang lenkt. „Da haben die anderen noch einen Vorsprung.“ Normalerweise war der Vorsprung immer auf Hirschers Seite.
Was ist passiert mit den Renn-Brettern? Keine Revolution, aber doch eine spürbare Veränderung, obwohl es sich nur um Zentimeter handelt. Der Radius der Riesenslalom-Ski der Männer wurde von 35 auf 30 Meter herunterkorrigiert, sprich: Der Ski hat wieder ein wenig mehr Taillierung bekommen. Zudem ist die Ski-Schaufel etwas breiter geworden (maximal 103 statt 98 Zentimeter), der Ski etwas kürzer (1,93 statt 1,95 Meter).
Waldner: Für Junioren wieder fahrbarer
Vor fünf Jahren, damals noch unter FIS-Renndirektor Günter Hujara, hob man den Radius von 27 auf 35 Meter an, machte die Ski also gerader und schlanker, im Glauben, so die Knie-Verletzungen reduzieren zu können. Dafür traten andere Probleme auf. Der Internationale Skiverband FIS mit Renndirektor Markus Waldner als treibender Kraft, die Skiindustrie und nicht zuletzt die Rennläufer selbst plädierten längst wieder für mehr Taille, was nun innerhalb eines Jahres mit den Skifirmen umgesetzt wurde.
Markus Waldner führt drei Hauptgründe für die von der „working group alpine equipement“ der FIS erarbeiteten Korrekturen an:
• Weil der Riesenslalom-Ski der letzten Winter mit sehr viel mehr Kraftaufwand um die Kurve zu steuern war, hatten die Läufer vermehrt über chronische Rückenprobleme geklagt.
• Weil der Ski enorm viel Training erforderte, hat es fast nur noch Spezialisten gegeben im Riesentorlauf. Abfahrer haben immer weiter entfernt von dieser Disziplin, weil sie zu spezifisch geworden ist.
• Im Juniorenbereich war der Ski „unmöglich zu fahren“, wie Waldner sagt. „Die Jungen hatten keinen Spaß mehr“, haben sich teilweise vom Skirennsport verabschiedet. „Jetzt haben sie wieder vollen Spaß! Den Juniorensport zu fördern, ist enorm wichtig, damit wir morgen noch Rennläufer haben.“ Nachwuchsläufer, die gerade mit FIS-Rennen anfangen, dürfen sogar den noch taillierteren Damenski fahren.
In der „working group“ der FIS sitzt neben Ex-Läuferin Pernilla Wiberg (Schweden/Vorsitzende) und Ex-Abfahrer Marco Büchel (Liechtenstein) u.a. auch Karlheinz Waibel, Bundestrainer Wissenschaft und Technik im Deutschen Skiverband. „Zweifellos wird das Skifahren wieder einfacher“, sagt Waibel, der aber fordert: „Die Kurssetzung muss angepasst werden“, also die Torabstände. Üblich sind im Riesenslalom 25 bis 26 Meter Abstand. Renndirektor Waldner will aufpassen, „dass wir ja nicht zu schnell werden“. Und ein bisserl runder stecken, wenn es steiler wird.
Ob Verletzungen reduziert werden? „Das ist Rennsport. Egal, wie das Material ausschaut, es wird immer ans Limit getrieben werden, und wo man ans Limit geht, wird’s halt auch gefährlich. Mit dem muss man sich immer abfinden“, sagt Waibel.
„Sie knüppeln wieder auf die Tore hin“
Von erhöhtem Spaßfaktor berichten die meisten Läufer, etwa der Deutsche Stefan Luitz: „Der Ski macht die Sache vielleicht ein bisschen leichter. Das Reinfahren in die Kurve wird deutlich erleichtert, weil die Schaufel früher Führung hat. Das ist vor allem bei schwierigen, weichen Bedingungen von Vorteil.“
Auch Haudegen Felix Neureuther muss sich auf seine alten Tage nochmal umstellen, was ihn nach den ersten Versuchen erst einmal skeptisch werden ließ: „Mit den neuen Skiern wird wieder viel gnadenloser gefahren, die jungen Athleten knüppeln brutal auf die Tore hin, weil das mit diesen Skiern wieder möglich ist. Für die Jungen dürfte es sehr viel einfacher sein, nach vorne zu kommen.“ Zu den Jungen gehört er mit 33 Jahren nicht mehr ganz. Für den Fernsehzuschauer daheim aber, glaubt Neureuther, könnte der Riesenslalom noch attraktiver, weil schneller werden.
Könnte aber auch sein, dass der Fernsehzuschauer gar keinen Unterschied merkt. Zu überprüfen wäre das am Sonntag (10/13 Uhr) mit den Bildern vom Weltcupauftakt am Rettenbachferner in Sölden. Marcel Hirscher wird sicher zuschauen.