Rüpel, Musterschüler und Zartbesaitete

von Redaktion

In dem wütend wogendem Pokalduell der Bayern mit Leipzig empfehlen sich Martinez und Rudy als Ruhepole

VON ANDREAS WERNER

Leipzig – Der Fortschritt hat seine Grenzen, selbst im fortschrittlichen Leipzig – zumindest, wenn es um die Einführung moderner Kommunikationsmittel zur Klärung von fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen geht. Im Pokal ist der Videobeweis noch nicht erlaubt, also dachte sich Ralf Rangnick gestern, er müsse dem Unparteiischen Felix Zwayer mittels seines Smartphones beweisen, dass er falsch gelegen hatte, als er nach einer Attacke Arturo Vidals gegen Emil Forsberg keinen Strafstoß verhängte. Der Sportchef der Sachsen bestürmte den Schiedsrichter in der Causa zur Pause, was den Bayern gar nicht gefiel. Mats Hummels bestritt auf dem Weg in die Kabine seinen bis dato härtesten Zweikampf.

Kimmich zu Vidal: „Geht’s noch?“

Beschweren hätten sich die Bayern nicht können, wenn sie sich zur Pause mit einem 0:1-Rückstand befassen hätten müssen. Vidal hatte einen schweren Stand, seine Aktion in der 35. Minute war wie so vieles an diesem Abend recht grenzwertig. Er sah Gelb, und der coole Joshua Kimmich zeigte ihm mit einer Geste der Marke Vogel oder Scheibenwischer an: „Geht’s noch?“

Tags zuvor noch hatte Jupp Heynckes alle seine unverletzten Mittelfeldspieler aufgezählt, als er gefragt worden war, wie er seine Zentrale bestücken wolle. Es ist bekannt, wie stürmisch die Leipziger die Mitte überbrücken, wenn ihre unermüdliche Jagd nach dem Ball erst einmal erfolgreich war. Der Münchner Chefcoach wollte das seinem Musterschüler Javi Martinez nach dessen Schulterverletzung noch nicht so recht zumuten, und Sebastian Rudy erschien ihm womöglich zu zartbesaitet. Vidal also, der alte Recke, den Heynckes noch aus gemeinsamen Tagen in Leverkusen schätzt, sollte den Raum bewachen, den die Leipziger so leidenschaftlich überfallartig heimsuchen. In den Linien vor ihm agierten Corentin Tolisso und, in der „10er“-Rolle Thomas Müllers, Thiago. Sattelfest wirkte das Trio nicht immer, und nachdem Naby Keita aus rätselhaften Gründen Gelb-Rot gesehen hatte, riskierte es Heynckes dann doch, den Feingeist Rudy für den Rüpel Vidal ins Spiel zu bringen. Als Kingsley Coman kurz darauf vom Feld humpelte, schlug auch Martinez’ Stunde. Somit hatte Heynckes dann tatsächlich alle seine zur Verfügung stehenden Mittelfeldoptionen aufs Feld geführt.

Echte, konstante Balance erlangte die Zentrale gestern lange nicht, selbst gegen die dezimierten Gastgeber. Erst, als Rudy und Martinez ihre Ruhe übertrugen, fanden die Münchner zu sich. Schade, dass vor allem die Optionen für die Offensive dürftig waren; nur Kwasi Okyere Wriedt saß nach einer guten Stunde noch als Alternative auf der Bank. Seine Referenz: null Spielminuten mit den Profis.

Die Partie wogte hin und her, und die Personalien ließen sich mitspülen, denn es fiel schwer, in den wütenden Wogen ein Halt zu sein, eine Größe, an der sich der Rest orientieren konnte. Thiago machte seine riskanten Abspielfehler mit dem Tor zum 1:1 wieder gut, doch auch der Spanier ging gestern nicht als verlässliche Figur durch. Solche Spiele münden gerne mal in einer Verlängerung, so kam es auch gestern in Leipzig.

Wriedt freute das, denn in Pokalverlängerungen darf eine vierte frische Kraft aufs Feld; der 23-Jährige ersetzte Thiago. Er führte sich top ein, mit einem Kopfball an die Lattenunterkante. Der verletzte Müller postete zuhause ein „Instagram“-Foto in Boxerpose, seine Bayern hatten den Kampf nun längst angenommen – und sie diktierten ihn. Leipzig war müde. Die Entscheidung fiel vom Punkt aus – Rangnick bekam an diesem Abend spät damit noch genügend Elfmeter zu sehen.

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