Ulreich setzt den letzten Akzent

von Redaktion

Der FC Bayern gewinnt ein irrwitziges Pokalspiel bei RB Leipzig mit 6:5 nach Elfmeterschießen

von andreas werner

Leipzig – Je länger das Spiel dauerte, desto lauter jubelte das Leipziger Publikum. Es war keine Begeisterung über packende Offensivaktionen mehr, die die Sachsen in Wallung versetzte, sondern die pure Erleichterung. Wieder war dem FC Bayern kein Tor gelungen und das, obwohl das Spiel nach mehreren irrwitzigen Wendungen nun ganz im Sinne der Gäste lief. Doch die Entscheidung fiel erst im Elfmeterschießen. Und hier waren es die Bayern, die das bessere Ende für sich hatten, weil Timo Werner, der Nationalspieler, als einziger von zehn Schützen vom Kreidepunkt vergab und in Sven Ulreich seinen Meister fand.

Selbst nach den großzügigen Regeln eines Pokalspiels, für das bekanntlich eganz igene Gesetze gelten, war es eine außergewöhnlich turbulente Partie. In Unterzahl (nach Gelb-Rot für Keita/54.) hatte Forsberg RB durch einen äußerst gnädigen Foulelfmeter in Führung gebracht (68.), ehe ausgerechnet der kleine Thiago per Kopf ausglich (73.). Beinahe im Dutzend vergaben die Bayern anschließend beste bis allerbeste Chancen, weil der famose Tormann Gulacsi einfach nicht zu überwinden war.

Vor dem Spiel stand Werner auf dem Rasen bei Sebastian Rudy, dem alten Bekannten aus Stuttgarter und DFB-Zeiten. Beide blieben zum Anpfiff draußen, und zumindest bei dem Leipziger kam das etwas überraschend. RB erlaubte sich den Luxus, seinen besten Stürmer, der zuletzt angeschlagen gewesen war, zunächst auf der Bank zu lassen. Der FC Bayern konnte sich so viel Schonung nicht leisten. Dort musste Mats Hummels ran, mit nur halbwegs ausgeheiltem Sprunggelenk.

Dass die Abwehr, als deren Chef Hummels fungiert, mächtig gefordert sein würde, war absehbar gewesen. Die Gastgeber stellten den Rekordmeister und -pokalsieger vor einige Probleme, vor allem den wendigen Forsberg bekamen die Bayern kaum in den Griff. Am gefährlichsten wurde es nach 34 Minuten, als Arturo Vidal in einer seiner gefürchteten Brachialaktiuonen den Schweden von den Beinen holte. Begonnen hatte die Attacke deutlich vor dem Kreidestrich, doch sie zog sich bis in die verbotene Zone. Schiedsrichter Zwayer lag mit seiner ersten Entscheidung – Elfmeter – wohl richtig, korrigierte sich dann aber und verhängte einen Freistoß, mit dem Forsberg die Querlatte touchierte.

Die Münchner konnten sich glücklich schätzen, mit einem 0:0 in die Pause zu gehen. Noch ein weiteres Mal hatte Forsberg die Führung auf dem Fuß gehabt, als er zwar mehrfach die Kugel fast verlor, sich aber immer wieder durchmogelte und erst in Ulreich seinen Meister fand (25.). Überhaupt, der Schlussmann: Auch gegen Augustin verhinderte er Ungemach, wobei er enormes Glück hatte, dass dem Franzosen die Kugel im entscheidenden Moment versprang (28.).

Und die Bayern? Sie hatten forsch begonnen und nach acht Minuten den Ansatz einer Großchance, als Lewandowski nach Robbens Zuspiel quer passte und Bernardo in höchster Not vor Coman rettete. Doch das war es auch schon für eine lange Zeit, weil die Sachsen bald immer mehr Druck entwickelten.

Die aus Münchner Sicht verheißungsvollste Szene ereignete sich erst kurz vor dem Pausenpfiff, als Keita für eine Aktion gegen Thiago Gelb sah. Weil der Ghanaer nach 54 Minuten erneut auffällig wurde, wenn auch nur moderat mit einem Zupfer gegen Lewandowski, änderte sich urplötzlich das ganze Spiel. Die Leipziger, eben noch mit optischen Vorteilen und wegen der Elfmeterentscheidung hadernd, waren auf einmal in Unterzahl und mussten sich erst mal sortieren.

Das sächsische Selbstvertrauen war spürbar erschüttert. Als Halstenberg bald darauf mit einer tollkühnen Aktion den Ball verlor und Lewandowski allein aufs RB-Tor zustrebte, fehlten nur Zentimeter zum Glück (66.). Karl-Heinz Rummenigge riss es fast von seinem Sitz, doch es kam noch schlimmer für die Bayern. Boatengs Rempler gegen Poulsen war einerseits harmlos, andererseits schien sich Referee Zwayer bei den Leipzigern in der Schuld zu fühlen. Also gab er diesmal den Elfmeter, und Forsberg vollstreckte (68.).

Doch bald stand Rummenigge wieder, und diesmal war es Ausdruck puren Glücks. Boateng hatte in den Strafraum gelupft, wo Thiago per Kopf vollstreckte (73.). Zum Sieg in 90 Minuten reichte es nicht mehr, und auch in der Verlängerung strapazierten die Bayern, bei denen Thiago, Kimmich und Lewandowski feinste Chancen vergaben, das Nervenkostüm ihrer Bosse. So musste die Entscheidung vom Kreidepunkt fallen. Und auch hier war das Niveau bis zum Ende hoch, bis zum allerletzten Versuch. Den vergab Werner.

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