Ohne Rücksicht auf Verluste

von Redaktion

Javi Martinez ist auch oder gerade blutverschmiert das Gesicht von Bayerns Aufschwungs unter Jupp Heynckes

Glasgow – Im Vergleich zu seinem Zustand rund einer Stunde zuvor sah Javi Martinez harmlos aus, als er den Celtic-Park verließ. Aber trotzdem hatte das Bild, das den Spanier in diesen Momenten bot, etwas Kurioses. Die Interview-Zone nämlich führt in diesem imposanten Stadion am Spielfeldrand entlang, und während Martinez also von dannen schritt, absolvierten die Reserve-Spieler von Celtic gerade eine Kurz-vor-Mitternacht-Einheit auf dem Rasen. Sprintübungen, Hütchen umlaufen – alles dabei, immer wieder ertönte die Trillerpfeife. Von Martinez’ Tagwerk hingegen war nur noch ein kleines Pflaster zu sehen. Weiß, über dem rechten Auge. Es sendete die Botschaft: Dieser Mann hat heute schon genug geackert.

Der 29-Jährige selbst hätte am liebsten gar nicht gesprochen, immer wieder drückte er den vor ihn laufenden Arjen Robben in Richtung der Journalisten. Aber es half nichts. Wer in Helden-Manier zum Mann des Tages geworden ist, ist gefragt. Und so sagte Martinez über die Szene, in der er in der 77. Minute sowohl per Kopf das 2:1 erzielt als sich auch eine klaffende Platzwunde zugezogen hatte, tapfer: „Ich ziehe mir gerne jedes Spiel einen Cut zu, wenn ich dabei ein Tor schieße. Es ist nur Blut.“

Blut war ja nicht mehr zu sehen („es ist nicht schlimm, der Doktor hat das schnell hingekriegt“). Aber ohnehin war dieser Abend in Glasgow, nach dem der FC Bayern zum zehnten Mal hintereinander in der K.o.-Runde der Champions League steht, ja nur eines der zuletzt vielen guten Beispiele, die belegen, welchen Stellenwert dieser manchmal so schluffig daherkommende Bursche in der Mannschaft von Jupp Heynckes hat. Er ist „brutal wichtig“ (Sven Ulreich), „multifunktionell“ (Arjen Robben) und hat den Treffer – seinen ersten in der Champions League – laut seines Förderers Heynckes „in überragender Manier“ gemacht: „So ein Tor können nicht viele.“ Die Flanke von David Alaba kam gut, Martinez aber hatte sich ebenso gut durchgesetzt – ohne Rücksicht auf Verluste. „Sein Herz“, sagte er, habe „danach verlangt“, seine Defensivrolle mal kurz zu verlassen. Heynckes hat ihm das natürlich gerne verziehen.

Minutenlang war er im Anschluss behandelt worden, eine Auswechslung aber kam nicht infrage. Martinez ist einer, der nicht aufgibt, das hat er – vor allem unter Heynckes und auf der Sechser-Position – schon oft bewiesen. Im Gedächtnis geblieben sind überragende Spiele in der Triple-Saison sowie beim Gewinn des Supercups in Prag 2013, wo er weit über die Schmerzensgrenze ging. Dass er nun wieder vor der Abwehr und nicht in der Innenverteidigung aufläuft, stabilisiert das Bayern-Spiel enorm. Ulreich bezeichnete ihn als „Hauptfaktor“ für den Aufschwung. Und Robben fügte hinzu: „Wir wissen, dass er da auch gespielt hat, als wir 2013 so erfolgreich waren.“

Martinez ging das alles zu weit. Ja, er fühle sich wohl auf der alten, neuen Position, aber „2013 war ein anderes Jahr. Daran sollten wir nicht denken.“ Überlegte Worte zum Abschluss des Tages. Martinez schreckte auf, als im Hintergrund erneut die Trillerpfeife ertönte. Abpfiff für heute.  hlr

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