Sieg in Reinkultur

von Redaktion

„Manchmal musst du überleben“: Heynckes führt Bayern ins Achtelfinale – seine Bilanz: Makellos

von hanna raif

Glasgow – Ganz kurz musste man an diesem Dienstagabend in Glasgow auch an Carlo Ancelotti denken, denn diese Champions League-Reise des FC Bayern war ja die erste in diesem Jahr ohne den Italiener. Und wenn man die Auswirkungen auf Binnenklima, Spielweise und Körpersprache mal außer Acht lässt, kann man auch die Spekulation wagen, dass sich die Abwesenheit des Italieners im Glasgower „Radisson Blu Hotel“ im allgemeinen Brotkonsum niedergeschlagen hat. Der Vorgänger von Jupp Heynckes hatte nämlich eine Marotte, die durchkam, wann immer Karl-Heinz Rummenigge in den Bankettsälen des Kontinents ans Mikrofon trat.

Ancelotti aß Brot. Seine Hand ging ständig – er dachte unbeobachtet – zum Mund, auf jedem Video war er kauend zu sehen. Auch beim letzten dieser Art, aufgenommen vor vier Wochen in Paris.

Jupp Heynckes ist auf diesem Gebiet ein alter Hase. Als Rummenigge in der Nacht zum Mittwoch das Wort ergriff, nach dem 2:1 gegen Celtic Glasgow, das zur Qualifikation für das Champions League-Achtelfinale reichte, aß er freilich kein Brot. Ihm gegenüber machte Hasan Salihamidzic den Anfängerfehler, während der rund zweiminütigen Ansprache einen großen Schluck Wein zu nehmen. Aber Heynckes tat einfach: Nichts. Die Lobeshymne auf seine Person – Rummenigge: „Ich bin genauso froh wie Sie über die letzten Wochen. Wir haben sechs Siege mit Jupp erleben dürfen“ – ließ er stoisch über sich ergehen. Nach dem Motto: Regt Euch ab! Ich bin doch erst am Anfang.

Die Gemütslagen aus Paris und Glasgow miteinander zu vergleichen, reicht eigentlich, um diesen FC Bayern zu beschreiben. Der Sieg im Celtic-Park war spielerisch kein Offenbarungseid, die atemberaubende Lautstärke von Fangesängen aus 64 470 Kehlen hatte dafür genauso ihr Übriges getan wie die taktische Aufstellung ohne echten Stürmer, zu der der Coach nach dem Ausfall von Robert Lewandowski gezwungen war („hatte keine Wahl“). Er war aber ein weiterer Beweis, dass die Heynckes-Bayern alles können. Hoch siegen (5:0 gegen Freiburg), souverän (Hinspiel gegen Glasgow), dramatisch (Elfmeterschießen gegen Leipzig), glücklich (in Hamburg) und nun eben auch dreckig.

Rummenigge nannte den Abend in diesem beeindruckenden Stadion „Fußball in Reinkultur“. Robben sagte: „Es war nicht unser bestes Spiel, aber manche Spiele musst du einfach überleben.“ Und Niklas Süle sprach von einem „glücklichen Sieger“, der – im Falle eines sehr unwahrscheinlichen sehr hohen Sieges am 5. Dezember gegen Paris – sogar noch Gruppensieger werden kann.

Robben war ein Sinnbild für das schwere Offensivspiel. er selbst war an der Entstehung der beiden Treffer durch Kingsley Coman (22.) und Javi Martinez (77.) nicht beteiligt. Celtic stand tief, kam angepeitscht von seinen Fans aber immer wieder zu Kontern und sogar dem zwischenzeitlichen Ausgleich durch Callum McGregor (74.), bei dem die Bayern-Defensive wie einige weitere Male nicht gut aussah. In Heynckes’ 4-3-3-Notlösung um die falsche Neun James und die wechselnden Aushilfsstürmer Arturo Vidal und Corentin Tolisso ging nicht viel. „Für Dortmund müssen wir eine Schippe drauf legen“, sagte Sven Ulreich, dessen Assist zum 1:0 durch Coman der erste eines Bayern-Keepers seit Oliver Kahn im Jahr 2000 war. Damit hat er nun sogar Manuel Neuer etwas voraus.

Der Kapitän wird am Samstag beim Topspiel natürlich noch fehlen, die Bayern hoffen zumindest auf die Rückkehr von Lewandowski. Der Pole kurierte seine muskulären Beschwerden in München aus, wird laut Heynckes am Samstag aber „von Beginn an spielen“. Die Chance, den Vorsprung auf den BVB im direkten Duell auf sechs Punkte auszubauen, sei eine „Extra-Motivation“, sagte Ulreich. Und auch Rummenigge platzierte keine zwei Stunden nach Abpfiff geschickt den Hinweis, dass „wir weitermachen müssen“. Die „schweren Wochen“ seien am Samstag zu Ende, „danach können wir durchschnaufen“.

Heynckes hörte gut zu, blickte aber weiter geradeaus, ohne Gemütsregung. Im Kopf plante er schon seinen siebten Sieg. Extra-Brot braucht er dafür ziemlich sicher nicht.

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