An und für sich war die Sache klar: Die Regel, wann der Videobeweis greift und wann der Offizielle am TV-Schirm schweigt, wurde vor der Einführung im Sommer eindeutig festgelegt, als unumstößliches Grundprinzip der ganzen Neuerung: Nur bei klaren Fehlentscheidungen des Unparteiischen erfolgt eine Korrektur. Doch nun erfuhr das Prozedere eine Anpassung, heimlich im stillen Kämmerlein, denn der Fußball verfährt ja oft entgegen seiner hehren Ansprüche nicht gerade transparent. Ab jetzt soll der Videoassistent also im Falle starker Zweifel selbige ins Ohr des Schiedsrichters funken. Mit dieser Änderung ist der Mehrfachdeutung Tür und Tor geöffnet worden. Was an und für sich klar war, ist nun: Ganz klar unklar.
Die Autorität des Schiedsrichters als Spielleiter und maßgebliche Instanz, die ja auch mit der Einführung des TV-Assistenten im Sommer nicht infrage gestellt werden sollte, wäre bei der neuen Auslegung endgültig Geschichte. Denn wenn er nicht mehr die finale Kompetenz hat, ist der nächste Schritt, jede relevante Entscheidung am Bildschirm zu fällen, bloß eine Formalie. Dass der DFB-Chef Reinhard Grindel über die Regelanpassung nicht glücklich ist, ist nicht allein darin begründet, dass er im Vorfeld im Organigramm übergangen wurde. Sondern auch darin, dass er einen plausibleren Standpunkt vertritt: Der Video-Assistent sollte nur eingreifen, wenn ein Wahrnehmungsfehler des Unparteiischen auf dem Rasen vorliegt. Der Schiedsrichter solle, so der Verbandschef, „das Sagen haben“. Der Video-Assistent solle „kein Oberschiedsrichter sein“.
Der DFB, genauer gesagt die Schiedsrichter, die den Videobeweis betreuen, erleichtern es den Fans mit diesen Irrungen/Wirkungen nicht gerade, sich mit der technischen Neuerung anzufreunden. Natürlich gab es bisher immer wieder Diskussionen, natürlich lief nicht alles reibungslos – doch jede Reform benötigt einen gewissen Atem. Indem man nun schon gravierende Anpassungen anstrebt, zerrüttet man das Vertrauen zu einem unnötig frühen Zeitpunkt. Logischer wäre, wenigstens die Winterpause für eine erste Zäsur abzuwarten. Aktuell zeugt das Vorgehen eher von Aktionismus, und der sorgt immer für eine Entfremdung mit der Basis.
Der Videobeweis ist der große Zankapfel in dieser Hinrunde geworden. Das war erwartbar. Umso mehr wäre zu wünschen, dass die Verantwortlichen das sensible Thema souverän handhaben. Aber dass der DFB dabei keine gute Figur abgeben würde, war leider auch vielen Skeptikern irgendwie: glasklar.