Pfeifend zur Arbeit

von Redaktion

Beim FC Bayern ist alles wieder wie früher – weil eine neue, alte Unternehmenskultur herrscht

VON ANDREAS WERNER

München – Ein bisschen, das geben sie hinter den Kulissen an der Säbener Straße schon zu, sind sie selber überrascht, wie sich die Welt doch binnen drei Wochen drehen kann. Es ist aber Fakt: Alles sei wieder wie früher, dringt es aus dem Inneren des FC Bayern glaubhaft nach draußen. Die neue Entspannung spiegeln die Resultate auf dem Platz wieder; sechs Siege in Serie gab es seit dem Trainerwechsel zu Jupp Heynckes zu feiern. Er selbst hätte nicht gedacht, dass er das Spitzenspiel am heutigen Samstag in Dortmund mit einem Polster von drei Punkten vor dem BVB bestreiten würde. Die Borussia liege fünf Zähler vorne, hatte er zu seinem Dienstantritt gesagt, „so, wie sie spielen, ist es schwer, sie oben wegzuholen“. Sogar Heynckes täuscht sich mal.

Salihamidzic gibt den Bossen auch mal Kontra

Dass ihn die Entwicklung so überholt hat, liegt daran, dass bei den Münchnern eine neue, alte Unternehmenskultur herrscht. Die Bosse hatten immer mehr feststellen müssen, wie sich die Dinge unter Carlo Ancelottis Trainerstab verselbstständigten. In seiner Harmoniesucht und in seinem Bestreben, es irgendwie allen recht machen zu wollen, schuf der Italiener paradoxerweise ein Klima der Schieflage, bei dem am Ende sogar darüber gestritten wurde, welche Betreuer am Spieltag auf der Bank sitzen dürfen. Es gab Machtansprüche, Hauen und Stechen, und all das übertrug sich auf die Spieler.

Auch daher griffen die Bosse in Heynckes auf Bewährtes zurück. Keine eineinhalb Tage, nachdem der Ex-Coach seine Arbeit aufgenommen hatte, sei alles wieder wie früher gewesen, heißt es intern. Es war gewiss nicht alles schlecht bei Ancelotti, er ging als Freund. Aber man kommt wieder pfeifend zur Arbeit.

Gleichzeitig hat hinter den Kulissen die gute, alte Streitkultur Renaissance gefeiert, die den Klub einst so stark gemacht hat. Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge haben zuletzt öffentlich keinen Hehl daraus gemacht, dass auch zwischen ihnen ein reinigendes Gewitter nötig gewesen ist. Inzwischen passt zwischen die beiden nicht einmal das viel zitierte Blatt – und Hasan Salihamidzic findet dennoch immer mehr seinen Platz als Sportchef. Der 40-Jährige müsse in Interviews noch geschliffener auftreten und mehr Inhalte vertreten, bekam er neulich zu hören, aber er sei auch nicht als Pressersprecher eingestellt worden. Sondern, um dazwischenzuhauen. Und genau das macht der Ex-Profi. Selbst vor seinen Chefs kuscht er dabei nicht, ist zu hören. Auch Hoeneß und Rummenigge bekämen mal zu hören: Bis hierher und nicht weiter! Nach außen wirke Salihamidzic unsicherer, als er intern auftrete. Tenor: Er macht sich. Und nachdem die Schieflage unter Ancelotti Geschichte ist, könne sich auch der Berufseinsteiger endlich freischwimmen, indem er sich um die Kerngebiete seiner Arbeit kümmert. Sein Büro – es ist das des früheren Kaderplaners Michael Reschke, Tür an Tür mit Hoeneß – schließt er derzeit in der Regel um 8 Uhr morgens auf und gegen 22 Uhr ab. „Brazzo“ brannte als Spieler. Salihamidzic brennt auch als Sportdirektor.

Sein Büro wird gerade neu möbliert, doch er ist auch viel auf Reisen. Unter Vorgänger Matthias Sammer herrschten bei der Spielerakquise konfuse Zustände. Mal verhandelte Rummenigge, mal Finanzchef Jan-Christian Dreesen, mal Justiziar Michael Gerlinger. Salihamidzic ist derzeit überall zu finden, auch in der Schafkopfrunde der Spieler hilft er aus, wenn Bedarf ist.

Die Bayern fühlen sich rundherum wieder salonfähig, rechtzeitig vor dem Top-Duell mit Dortmund. Und auf Heynckes ist sowieso Verlass. „Ich lehne es total ab, zu sagen, wir könnten uns bei drei Punkten Vorsprung auch eine Niederlage erlauben“, sagte der Coach am Freitag. „Nein, so einen Gedanken darf man nicht an sich heranlassen.“ Wie schnell sich die Welt binnen weniger Wochen drehen kann, wissen die Münchner nur zu gut. Die Richtung soll nun in ihrem Sinne bleiben.

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