Es wird ja gerade viel darüber spekuliert, was den Fußball kaputt macht. Das unfassbar viele Geld natürlich, der böse Kommerz, Didi Mateschitz mit seiner Brause, Bundesliga am Sonntagmittag und Montagabend, der Videobeweis. Aber wissen Sie, was den Fußball wirklich ruiniert? Diese verdammten Platzverweise.
Neulich erst haben wir tagelang dem Pokalthriller des FC Bayern in Leipzig entgegengefiebert, was aber passiert? Mitten hinein ins dramatische Geschehen ein schräger Pfiff, knallhart wird ein leichter Zupfer des Spielers Keita mit der Gelb-Roten Karte geahndet. Und das Spiel? Ist in der Folge ein völlig anderes. Vier Tage später dann die mit Spannung erwartete Revanche, was aber passiert? Nach zwölf Minuten schon Rot wegen Notbremse, logische Folge: zwei schnelle Tore für die Bayern, Spiel entschieden, eine zweite Hälfte mit hohem Gähn-Faktor.
Da kauft man sich ein sündhaft teures Ticket oder freut sich auf einen grandiosen Fußballabend mit Freunden daheim vor dem Bildschirm, sieht dann aber nur, wie sich zehn Mann vor dem eigenen Kasten der Angriffswelle von elf übermächtigen Gegnern entgegenstemmen, ein packendes Duell auf Augenhöhe stellt man sich anders vor. Gut, im Pokal hat sich Leipzig zu zehnt ins Elferschießen geduselt, aber war es noch der erhoffte Fußball-Leckerbissen? Und die folgende Bundesligapartie war nach einer Viertelstunde spannend wie die Gebrauchsanweisung eines Stabmixers.
Klar, es soll schon Mannschaften gegeben haben, die mit zwei Mann weniger das Siegtor geschossen haben, normal aber hat man auf Top-Niveau nicht den Hauch einer Chance, ist man auch nur in einfacher Unterzahl. Schon im Elf gegen Elf kann man nur bestehen, wenn jeder 110 Prozent abruft, mindestens, wie man uns gegen alle Gesetze der Mathematik weismachen will. Wie aber soll man zu zehnt die dann erforderlichen 1210 Prozent schaffen?
Strafe muss halt einfach sein, hören wir Sie sagen. Und Sie haben ja Recht! Nur wird halt der, der kurz vor Schluss foul spielt, deutlich weniger bestraft als der, der das gleiche Foul schon zu Beginn eines Spiels begeht und damit sein Team nicht nur für ein paar Minuten, sondern für eine Stunde und mehr schwächt. Ist das etwa gerecht?
Im Jugendfußball gibt es für leichtere Vergehen die Zeitstrafe, beim Eishockey darf sich das Team selbst nach einer Spieldauerdisziplinarstrafe ein paar Minuten später wieder komplettieren, Gleiches gilt bei Rot im Handball oder Basketball, es geht dann personell ausgewogen weiter, der Sünder büßt, die Spannung bleibt. Im Herrenfußball aber kann eine, oft auch mal nicht unbedingt berechtigte Gelbe Karte ein Spiel zerstören, wenn der Übeltäter dummerweise vorbestraft war. Hätte, etwa bei Keitas Zupfer, nicht auch eine Fünf-Minuten-Strafe gereicht? Das Duell hätte das bleiben können, was es in der ersten Hälfte war, ein Hochgenuss zumindest für den neutralen Betrachter.
Es ist ein Jammer, da tüfteln Trainer nächtelang über einem Matchplan, dann macht ein einziger Aussetzer eines Spielers (oder auch Schiedsrichters) alles zunichte. Der Videobeweis macht es noch schlimmer, wie wir zuletzt beim Spiel der Freiburger in Stuttgart sehen mussten. Ohne dieses Hilfsmittel wäre es, wohl zu Recht, mit Elf gegen Elf weiter- und nicht mit einem nie gefährdeten Sieg des numerisch überlegenen Teams zu Ende gegangen. Diese verdammten Roten Karten zerstören alles. Und wir als Zuschauer fühlen uns um das betrogen, was den Fußball so attraktiv macht: um Spannung, Brisanz und Dramatik. Wobei, ist eigentlich ja auch egal. Am Ende gewinnt sowieso immer Bayern, wissen wir doch längst.
Zwischentöne