„Wir wollen den Bock umstoßen“

von Redaktion

Dortmunds Julian Weigl über die alte, neue Rolle als Außenseiter, hängende Köpfe, das K-Wort und Löwen-Bettwäsche

München – Am 1:0 gegen Nikosia war Julian Weigl beteiligt – am Ende reichte dieser eine Treffer aber nicht, um den Negativlauf des BVB zu stoppen. Die Partie endete 1:1, Borussia Dortmund steht mächtig unter Zugzwang, wenn an diesem Samstag (18.30 Uhr) der FC Bayern gastiert. Wie der Trend ausgerechnet im Topspiel der Bundesliga gegen den Tabellenführer gestoppt werden soll – und wie sehr Weigl seine 1860-Vergangenheit motiviert –, erzählt der 22-Jährige im Interview.

-Herr Weigl, am Mittwochabend war die Stimmung im Keller. Wie sieht es mit etwas Abstand aus?

Ein Stückchen besser, weil man drüber geschlafen hat – wenn auch sicher niemand gut. Die Stimmung ist trotzdem etwas bedrückt. Jeder weiß, dass wir gegen Nikosia gewinnen wollten und auch hätten gewinnen müssen. Und wir wissen auch, dass uns das nicht gelungen ist.

-Ihr Kapitän Marcel Schmelzer hat die spielerische Leistung nach der Partie deutlich positiver gesehen als bei den Niederlagen zuvor. Sie auch?

Das auf jeden Fall. Mit Ball haben wir es besser gemacht. Wir haben speziell in der ersten Halbzeit ein ordentliches Spiel gemacht, aber verpasst, das zweite Tor zu machen. Dann wäre die zweite Halbzeit ganz anders gelaufen, wenn wir mit komplett breiter Brust rausgehen. Nach dem Gegentreffer aber war es sehr schwierig, mit Selbstvertrauen weiterzumachen. Man hat leider die Verunsicherung gemerkt – das ist aber auch verständlich nach den vergangenen Spielen.

-Die Glaubensfrage: Gut, dass die Bayern jetzt kommen – oder kommen sie zur Unzeit?

Wir hoffen, dass sie jetzt genau zum richtigen Zeitpunkt kommen. Es kann für uns nur gut sein, wenn in ganz Fußball-Deutschland gerade so gut wie niemand daran glaubt, dass wir das Spiel gewinnen können. Aber warum eigentlich nicht? Wir spielen zuhause, haben die Fans auf unserer Seite. Wir werden alles in dieses Spiel hineinwerfen. Wir haben häufig genug bewiesen, dass wir sie ärgern können. Die tun sich gegen uns auch oft schwer. Wir sind nicht chancenlos.

-Wie kriegt man binnen zwei Tagen die hängenden Köpfe wieder hoch?

Das ist das Gute: Angesichts der engen Taktung der Spiele hast du gar nicht die Möglichkeit, so viel über das vergangene Spiel nachzudenken. Weil das nächste Spiel ja schon wieder ansteht, in dem wir es besser machen möchten und in dem wir wieder zeigen können, was wir eigentlich für eine Mannschaft sind: eine sehr gute nämlich. Deswegen: Am Donnerstag hat das Spiel noch wehgetan, aber ab Freitag überwog die Lust, es besser zu machen. Ich als Ex-Löwe muss mich gleich zwei Mal nicht motivieren, ich habe ohnehin extrem viel Lust auf dieses Spiel.

-Die Rivalität zwischen Bayern und Dortmund reicht nicht als Motivation?

Doch – aber das ist für mich wirklich noch ein Extra-Kick. Ich bin ja in den Genuss gekommen, im Grünwalder Stadion ein Derby zu spielen, damals mit den zweiten Mannschaften. Da kriegt man schon mit, wie viel es den Löwen-Fans bedeutet, gegen Bayern zu gewinnen. Und auch hier in Dortmund ist das – abgesehen von den Spielen gegen Schalke – die größte Rivalität. Ich freue mich riesig drauf. Wir wollen den Bock umstoßen.

-Normalerweise erzählen viele Bayern-Gegner gerne davon, wie sie als Junge in Bayern-Bettwäsche geschlafen haben. Hatten Sie dann tatsächlich eine Löwen-Bettwäsche?

Aber klar hatte ich die! Die wurde mir geschenkt – ich habe bestens darin geschlafen (lacht).

-Wie ist es zu erklären, dass ab dem Moment, in dem es für die Bayern bergauf ging, der BVB in den Abwärtsstrudel geraten ist?

Ich sehe da keinen Zusammenhang. Die Bayern haben mit Jupp Heynckes Ruhe reingebracht in ihr Umfeld. Und wir hatten – unabhängig davon – nicht die Resultate und haben auch schlechter gespielt als zu Beginn der Saison. Wir sind jedenfalls sicher nicht nervös geworden, weil die Bayern wieder gewonnen haben. Wir haben ja auch nie gesagt, dass wir zur Meisterschaft spazieren werden. Das ist nicht unsere Denkweise! Für uns war es wichtig, gute Spiele zu machen, die Philosophie von Peter Bosz sukzessive mehr zu verinnerlichen. Daran gilt es anzuknüpfen.

-Waren die fünf Punkte Vorsprung psychologisch vielleicht zu viel?

Nein! Weil wir nie viel auf die Tabelle geschaut haben. Auch wenn es eine Floskel ist: Wir haben immer versucht, uns von Spiel zu Spiel auf den jeweils nächsten Gegner vorzubereiten. Natürlich ist man nicht frei davon, riskiert einen Blick und sieht: Wir sind Erster, das läuft überragend im Moment. Aber es war uns auch klar, dass die Bayern nicht das ganze Jahr über regelmäßig Punkte lassen werden, dafür haben sie einen viel zu starken Kader.

-Wie erklärt man sich dann, dass man aus einer bisher – abgesehen von der Champions League – richtig guten Saison eine im Moment schlechte macht?

Naja, erst einmal sind wir immer noch Tabellenzweiter. So schlecht ist das nicht, vor allem gemessen an unserem Saisonziel, der direkten Qualifikation für die Champions League. In der Bewertung der jüngsten Spiele spielen viele Faktoren eine Rolle. Wir haben zu viele Gegentore bekommen und dazu vorne zu wenige gemacht. Eine genaue Erklärung für beides kann ich nicht abgeben – sonst hätten wir unsere Defizite ja schon abgestellt. Wir müssen uns – speziell gegen die Bayern – wieder darauf besinnen, was wir an den ersten neun Spieltagen gut gemacht haben. Es wird in jedem Spiel Fehler geben, aber wir müssen wieder in die Automatismen kommen. Dann wird die Leichtigkeit auch wieder zurückkommen und mit ihr das nötigen Quäntchen Glück.

-Wie verinnerlicht ist denn das Bosz-Spiel nun?

Wir sind nach wie vor dabei. Es gibt noch genug Punkte, in denen wir besser werden müssen. Auch in den ersten, deutlich gewonnenen Spielen haben wir Chancen zugelassen. Und es war klar, dass die Formkurve nicht nur nach oben gehen wird. Dass es Rückschläge geben würde, haben wir schon im Sommer betont. Es ist normal, dass es nach zehn Spieltagen noch nicht wie aus einem Guss läuft. Noch mal: Trotzdem können und müssen wir besser spielen.

-Darf man denn nun von Krise sprechen? Marcel Schmelzer ist das böse Wort am Mittwoch rausgerutscht.

(überlegt) Puh. Die Zeitungen schreiben das ja schon lange. Für uns ist es einfach ein Tief. Dass es kein Ausrutscher ist, ist uns allen klar. Es ist ein Trend, der gerade negativ ist – und den wir schleunigst umdrehen wollen.

-Wäre vor drei Wochen Dortmund Favorit gewesen gegen die Bayern?

Wir waren noch nie Favorit gegen die Bayern, aber dann wäre es vielleicht mehr dieses berühmte 50-50-Ding gewesen. Dann hätte man gesagt: „In Dortmund wird es schwer für Bayern.“ Und wir hätten gesagt: „Gegen Bayern ist es immer schwer zu gewinnen.“ Da wären wir wieder bei den Floskeln (lacht).

-Und wie ist es jetzt?

Bayern geht als Favorit rein, gerade mit Blick auf die vergangenen Spiele, die für sie liefen und für uns nicht. Wir sind nun wieder ein bisschen der Außenseiter. Aber diese Rolle kennen wir und fühlen uns darin nicht unwohl.

-Als die Bayern aus Glasgow zurückflogen, hat der Pilot durchgesagt: „Glückwunsch, aber das sind noch nicht die Bayern, vor denen Europa zittert.“ Zittert der BVB?

Es gibt definitiv auch bei Bayern noch Luft nach oben, da hat er Recht. Aber sie haben uns aktuell voraus, dass sie die Resultate liefern. Trotzdem haben wir die Möglichkeit, all das in einem Spiel wieder umzudrehen. Wenn wir gewinnen, sind wir tabellarisch wieder mit ihnen auf Augenhöhe. Dafür muss sich natürlich jeder Einzelne steigern – aber wir sollten an unsere Chance glauben und sie möglichst auch nutzen.

Interview: Hanna Raif

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