Wenn Martin Schmidt, der Trainer des VfL Wolfsburg, etwas Behördliches zu erledigen hätte und nach seinem Familienstand gefragt würde – wie müsste die Antwort ausfallen? Am besten: „Unentschieden.“ Der Schweizer Fußball-Lehrer ist 50, klassisches Alter zum Unter-der-Haube-sein – doch er hat, obwohl zuletzt mit einem jungen Model liiert, sich nicht zum finalen Schritt durchgerungen. „Unentschieden“ ist er auch, was seine liebste sportliche Passion angeht: Er war schon Radikalskifahrer mit Talabfahrt im Helikopter, Mechaniker bei der DTM. Fußball ist jetzt, muss aber nicht für immer sein, sagt er. Schmidt liebt es, sich Optionen offen zu halten – da braucht man sich also nicht zu wundern, dass er seine Unentschiedenheit auf den VfL Wolfsburg übertragen hat. Sieben Mal hat er seinen neuen Klub in der Bundesliga gecoacht, es ist stets unentschieden ausgegangen. Im DFB-Pokal, da hat er gewonnen – weil Unentschieden da nicht zugelassen sind.
Aber was ist das nun für eine Bilanz? Eine schlechte, weil dieser VfL einfach nicht gewinnen und nicht mal zuhause einen Vorsprung halten kann? Oder ist es eine verdammt gute, da es wohl kein Stadion in der Bundesliga gibt, in dem Schmidt seine Wolfsburger nicht noch erfolgreich zu einer Last-Minute-Nachspielzeit-Aufholjagd peitschen würde? Wer punktet forsch in München, Leverkusen, auf Schalke? Schmidts Wolfsburger. Theoretisch könnte der VfL aber als in 30 Spielen ungeschlagener Klub sogar absteigen. Weiter in dieser Art, und er käme auf 34 Zähler. Im Vorjahr hätte das Relegation bedeutet (die man allerdings mit zwei Unentschieden – das Modell Hamburger SV – überstehen kann).
Irgendwie ist das Unentschieden zum großen Verlierer der Drei-Punkte-Regelung geworden, die der DFB 1995 eingeführt hat. Mit einem Punkt ist das Remis unterbewertet, zumal Martin Schmidt bislang ja lauter Spektakel-Unentschieden (kein 0:0) abgeliefert hat. Ein Schmidt-Remis ist zu nahe an der Niederlage (null Punkte) als am Sieg (drei). Dabei ist es ein ehrbares Ergebnis und der Fußball eine der wenigen Sportarten, die das Remis noch zulassen. In Zeiten der Neuerungen (Videobeweis und Co.) ist es ein wunderbares Stück Tradition. Man kann das Unentschieden nur entschieden gut finden.