TENNIS

„Oh ja, in Australien spiele ich“

von Redaktion

Alexander Zvervev über seine künftige Daviscup-Teilnahme, Münchner Begeisterung und seinen mächtigen Fitnesscoach

Alexander Zverev, 20 Jahre alt und seit gestern zum ersten Mal Nummer drei der Weltrangliste, wird vom 12. bis 19. November bei den ATP Finals in London spielen. Er gewann 2017 fünf Titel, darunter zwei der Masters-1000-Serie, und ist damit der erfolgreichste Titelsammler des Jahres nach Roger Federer (sieben) und Rafael Nadal (sechs). In den letzten 20 Jahren hatten sich zuvor nur zwei deutsche Spieler für das Turnier der besten acht des Jahres qualifiziert, Rainer Schüttler (2003) und Nicolas Kiefer (1999), letzter deutsche Sieger war Boris Becker (1995).

-Alexander Zverev, als Sie 2015 im Rahmen der ATP-Finals in London als „Star of Tomorrow“ ausgezeichnet wurden, da sagten Sie: Natürlich hoffe ich, dass ich eines Tages, irgendwann, hier mitspielen darf. Wie überrascht sind Sie, dass dieses „eines-Tages-irgendwann“ jetzt schon wahr wird?

Damals hätte ich das natürlich nie gedacht, auch 2016 nicht, als ich das Jahr unter den besten 25 beendet habe. Aber ich wusste, wie viel harte Arbeit ich vor allem in der Off-Season hinter mir hatte. Als ich 2014 mit Jez Green (Anm. Fitnesscoach) angefangen habe, wog ich noch 74 Kilo, wenn ich mich jetzt auf die Waage stelle, wiege ich fast 90, und das ist fast alles Muskelmasse. Für mich und die Leute, mit denen ich arbeite, war klar: Wenn ich die richtigen Sachen mache, dann wird es von alleine kommen. Es ist überraschend, dass es so schnell gekommen ist, aber es ist nicht überraschend, dass es gekommen ist.

-Beim Blick zurück auf 2017, was waren die intensivsten Momente?

Einer der Momente, in denen ich am meisten gelernt habe, war das Match gegen Nadal in Australien, wo ich fünf Sätze gespielt habe, wo ich Krämpfe hatte und wo ich nah dran war zu gewinnen. Das war ein bitteres Match für mich, aber irgendwie auch ein sehr gutes Match. Dass ich in Rom ein Masters auf Sand gewinne, war natürlich nicht vorherzusehen. Aber es gab auch die Davis-Cup-Niederlage gegen Belgien, auch im Doppel mit Mischa. Es gab solche schweren Momente, aber viel, viel mehr positive.

-Sie arbeiten ständig in einem großen Team: Ihrem Vater Alexander als Chefcoach, mit Juan Carlos Ferrero als zweiten Coach, dem Athletiktrainer Jez Green, dem Physiotherapeuten Hugo Gravil. Wie muss man sich die Entscheidungsprozesse in diesem Team vorstellen? Demokratie, oder hat immer einer den Hut auf?

Es ist ganz lustig: Wenn Jez zum Beispiel sagt, ich soll eine Woche kein Tennis spielen und nur Physis machen, dann widerspricht keiner – und er ist „nur“ der Fitnesstrainer. Er ist jemand, auf den alle hören, vor allem, wenn es um die Turnierplanung geht.

-Und sonst gibt es nicht den einen, der bestimmt?

Nein, wir besprechen das. Alle verstehen sich sehr gut. Juan Carlos mit Jez, Jez mit meinem Vater, Juan Carlos mit meinem Vater – ganz wichtig, sonst würde es ja überhaupt nicht funktionieren.

-Was passiert, wenn Sie das Gegenteil von dem denken, was alle anderen sagen?

Hmm. Das passiert nicht oft. Manchmal mache ich das, was ich möchte, und meistens ist es falsch. Dann höre ich beim nächsten Mal wieder auf die anderen.

-In der Biografie von Maria Scharapowa steht, als Spieler habe man während eines Turniers fast nie die Gelegenheit, sich dort mit dem Ort oder den Leuten zu beschäftigen. Sind Sie in der Lage, die Atmosphäre unterwegs aufzunehmen?

Die Atmosphäre eines Ortes kannst du besser aufnehmen als eine normale Person.

-Weil?

Weil du auf dem Platz stehst und die Leute spürst. Ob sie sehr laut sind, ob sie mitfiebern, auch ob sie für dich sind. Was du nicht mitnehmen kannst ist die ganze Kultur, nachts rausgehen, Sightseeing. Ich war zum Beispiel schon dreimal in Peking und hab die chinesische Mauer trotzdem noch nicht gesehen.

-Wo kommt denn am meisten Energie rüber, welche Leute spüren Sie besonders?

Italiener. Die sind Wahnsinn, ich liebe diese Leute. Und Deutsche natürlich. Wenn ich in Deutschland spiele, hängt natürlich auch viel vom Ort ab. In München sind sie sehr sportbegeistert, in Halle ist das Publikum auch sehr gut. Ich liebe Leute, die mitfiebern.

-Wer oder was macht Sie sonst noch glücklich?

Gewinnen – das ist eines davon. Und mit meinem Freunden außerhalb des Platzes Zeit verbringen. Glücklich macht mich aber auch alles, was mit Wasser zu tun hat. Ich geh gern Surfen, Wakeboarden, bin gern auf einem Boot.

-Sie haben in Monte Carlo das Meer vor der Haustür. Aber ist das Leben im Fürstentum nicht irgendwie künstlich?

Im Sommer ja, touristisch. Viele Leute kommen da hin, um zu sich zu zeigen. Aber jetzt oder im Winter oder im April sind nur Leute da, die in Monte Carlo leben. Und die laufen mit Flipflops und Badehose rum. Die haben vielleicht mehr Geld als andere, aber das sind ganz normale Leute. Ich seh’ da Nico Rosberg in meiner Straße, und keiner macht daraus was. Novak Djokovic wohnt auch in meiner Straße, ich seh’ ihn jeden Tag beim Frühstück.

-Also fühlen Sie sich da inzwischen zuhause. Fehlt Ihnen Hamburg trotzdem irgendwie, wo Sie geboren und groß wurden?

Hamburg fehlt mir total. Das wird immer meine Heimat bleiben. Die Natur ist anders, wir haben dort ein Haus neben einem Bauernhof mit Kühen und Schäfchen. So was fehlt mir natürlich. Aber zur Zeit bin ich verliebt in Monte Carlo.

-Sie wurden heftig kritisiert, weil Sie im September nicht Davis Cup in Portugal, sondern in der Woche danach Laver Cup in Prag spielen.

Ich habe viel mit Boris Becker und auch mit Teamchef Michael Kohlmann gesprochen, ich wollte immer spielen. Aber in meiner Mannschaft waren alle dagegen. Und du kannst dich halt nicht gegen alle in deiner Mannschaft stellen. Die waren der Meinung, dass ich nach den US Open Pause brauche, weil sie wissen, dass ich in diesem Jahr ne viel längere Saison habe.

-Und wie ist die Ausgangslage nun für die erste Runde im Davis Cup 2018 Anfang Februar in Australien?

Ich hab mit Boris schon geredet, dass ich nächstes Jahr wirklich mein Bestes geben werde, um entweder sehr, sehr weit zu kommen im Davis Cup oder das ganze Ding sogar zu gewinnen. Ich habe das Gefühl, dass wir eine der besten Mannschaften sind: Ich kann auf allen Belägen relativ gut spielen, ich finde, dass Mischa auf schnellen Belägen gegen viele Spieler gewinnen kann, dass Philipp Kohlschreiber auf langsamen Belägen gegen viele Spieler gewinnen kann und das Struff auch auf vielen Belägen gefährlich ist, genauso wie ich im Doppel mit Mischa.

-Das heißt, Sie sind definitiv dabei?

Oh ja, in Australien spiele ich.

-Selbst für den Fall, dass Sie vorher bei den Australian Open in der zweiten Runde verlieren sollten und noch zwei Wochen überbrücken müssten bis Anfang Februar?

Das doch kein Problem. Du bist ja schon dort, und es gibt in Melbourne eine Anlage, auf der du unglaublich gut trainieren kannst. Außerdem werde ich nicht in der zweiten Runde verlieren.

Das Interview führte Doris Henkel

Artikel 3 von 11