Totaler Systemabsturz auf dem Wannsee

von Redaktion

Titel-Hattrick auf den letzten Metern verspielt: Touring Yacht-Club erlebt beim Bundesliga-Finale in Berlin ein Desaster biblischen Ausmaßes

Tutzing/Berlin – Als alles verloren schien, war Julian Stückl nicht länger bereit, aus seinem Herzen eine Mördergrube zu machen. Obwohl offiziell noch zwei Rennen beim Finale der Segel-Bundesliga in Berlin anstanden, brach der Steuermann des Deutschen Touring Yacht-Clubs sein selbst auferlegtes Schweigegelübde. „Mit der Regatta habe ich auf jeden Fall innerlich schon abgeschlossen“, offenbarte er am Mikrofon sein Innenleben. Und weil die Enttäuschung über den am Ende 16. Platz so groß war, schickte er noch ein harsches Statement hinterher: „Es war unter aller Sau, was wir hier gemacht haben.“

Die Wortwahl des Skippers war rhetorisch fragwürdig, aber allzu verständlich. Nach einer starken Saison verspielte der deutsche Meister der vergangenen zwei Jahre am letzten Spieltag die einmalige Chance auf den historischen Titel-Hattrick. Dass der sonst so coole Stückl derart die Contenance verliert, war im Protokoll der fünften Bundesliga-Saison nicht vorgesehen. Ein Fußballer hätte auf das hochgerüstete Plattitüden-Arsenal des seligen Sepp Herberger zurückgegriffen, das für besondere Notfälle als Rescue-Tropfen bereit steht. Er hätte von der Hoffnung schwadroniert, die zuletzt stirbt, oder dergleichen mehr.

Aber Stückl segelt seit seiner Kindheit und hat nie richtig Fußball gespielt. Und so erlebte der Touring nach einer deprimierenden Leistung auf dem Wannsee den totalen Systemabsturz. Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn Stückl seinem Trainer das Reden überlassen hätte. Norbert Wagner hat Sepp Herberger noch erlebt und weiß mit seinen 82 Lenzen aus reicher Erfahrung, wie man sich verbal geschickt aus brenzligen Situationen befreit. „Wir sind richtig happy“, trällerte der Alte voller Vergnügen.

Soeben hatte seine Mannschaft nur den Titel an den Norddeutschen Regatta Verein verloren, aber die Vize-Meisterschaft gewonnen. Und dann fuhr der Coach schwere Argumente auf: Zahlen. „Zwei, eins, eins, zwei“, nannte er die Platzierungen der vergangenen vier Jahre. „Es gibt keinen Club, der das geschafft hat.“

Wer in die leeren und bleichen Gesichter seiner Segler blickte, wusste, dass dies nur die halbe Wahrheit war. Der Touring hatte in Berlin eine Katastrophe biblischen Ausmaßes über sich ergehen lassen müssen. Drei Tage lange gaben sich die Betreuer des Teams alle erdenkliche Mühe, um die verzagten Seelen der Sieger von einst wieder aufzurichten. „Es war völlig unmöglich, an die einzelnen Segler heranzukommen“, wähnte Teammanager Michael Tarabochia seine Crew in einem tiefen Abgrund aus Angst, Selbstzweifel und Depression.

Sein Sohn Luis, der als Vorschoter die beste Innenansicht hatte, analysierte es ziemlich treffend: „Wir waren alle überfordert mit der Situation.“ christian Heinrich

Artikel 4 von 11