München – Norbert Dickel ist ein Mann, der schon viel erlebt hat, deutlich mehr noch als jeder einzelne Protagonist, der da beim 3:1 des FC Bayern gegen den BVB am Samstag auf dem Rasen stand. Er hat hohe Siege und Niederlagen gesehen, kuriose Tore, Platzverweise, langweilige Unentschieden und packende Elfmeterschießen, aber zwei Torschützen bei nur einem Treffer? Die hat es noch nicht gegeben, seitdem der ehemalige Stürmer im Jahr 1992 erstmals ans Stadion-Mikrofon getreten ist.
Am Samstag gab es sie, zumindest kurzzeitig. Dickel hatte sowieso nur bedingt Lust, den dritten Torerfolg der Gäste aus München durchzusagen, der die am Boden liegenden Dortmunder final K.o. setzte. Aber er hatte keine andere Wahl, nahm sich also das Mikro zur Hand, schaute auf seinen Zettel und sagte: „3:0 für den FC Bayern. Torschütze: Robert Lewandowski oder David Alaba.“
Das Übermitteln so einer Nachricht muss ja schnell gehen, es brauchte aber einige Zeitlupen, bis man sah, dass die scharfe Flanke von Alaba gar nicht mehr hatte berührt werden müssen, um ins Tor zu gehen. Dort, an der Linie, hatte auch noch James seinen Fuß hingehalten. Fast artistisch war der 26-Jährige dem fliegenden Ball hinterher gesprungen, und man konnte im Gesicht des Kolumbianers (ein Hoch auf die Zeitlupe!) sehen, wie gerne er die Kugel selbst über die Linie gedrückt hätte. Es wäre die Krönung eines sowieso so gut wie perfekten Arbeitstages gewesen. Aber den Namen „James“ sagte Dickel nicht durch.
Für’s Protokoll also: Die Treffer waren am Samstag Arjen Robben, Robert Lewandowski und eben Alaba gelungen; die Leistung von James aber wurde durch den fehlenden Torerfolg keineswegs geschmälert. Zum einen, weil die Leihgabe von Real Madrid zwei Mal als Vorbereiter vermerkt wurde (vor allem der Pass vor dem 1:0 durch Robben war fein). Und zum anderen, weil er als zentraler Offensivspieler hinter Lewandowski auch sonst ziemlich viel richtig machte. 96 Prozent seiner Pässe kamen an, sechs Mal eroberte James den Ball zurück. Wäre die Partie in München ausgetragen worden, hätte er für eine Grätsche gegen Christian Pulisic – nach der der Ball wieder in Bayern-Reihen war – mit Sicherheit Szenenapplaus bekommen. In Dortmund nicht. Sie stand in der 21. Minute sinnbildlich für die anfängliche Sturm- und Drang-Phase der Bayern.
Es war für James der erste Auftritt im roten Trikot in Dortmund, aber wer Erfahrungen im echten „Clásico“ gemacht hat, der weiß natürlich, was in so einem Spiel erwartet wird. Zwar hat er mit den Königlichen nie in Barcelona gespielt, den Rivalen aber immerhin drei Mal vor heimischem Publikum empfangen. Die Bilanz: Drei Spiele, zwei Niederlagen. Im deutschen Modell des Gipfeltreffens steht es 1:0 für ihn.
„Es war mein erster Clásico hier. Ihn zu gewinnen, macht mich sehr glücklich“, sagte James hinterher. Er sprach lange und ausführlich, so wie schon in der vergangenen Woche nach der Partie gegen Leipzig, so wie auch unter der Woche in Glasgow. Spielerleistungen nach Redezeiten zu bewerten, ist nicht immer korrekt, in diesem Fall aber schon. James wird immer besser – James erzählt immer mehr. Unter anderem, dass er sich „langsam, aber sicher besser“ fühle, München ihm „von Tag zu Tag mehr“ gefalle und sich sein Wohlbefinden auch „in meiner Leistung auf dem Platz“ widerspiegele.
In der vergangenen Woche allein hat der eigentliche Wunschspieler von Carlo Ancelotti auf drei Positionen sein Können aufblitzen lassen. Gegen Leipzig ersetzte er den angeschlagenen Kingsley Coman als Linksaußen, in Glasgow agierte er in Abwesenheit von Lewandowski als falsche Neun, beim BVB nun in seiner Paraderolle hinter Lewandowski. Heynckes ist kein Spieler-Erfinder wie Pep Guardiola, aber er sucht für seine Profis die bestmögliche Position. Bei James weiß er nun, dass er sich so gut wie überall „dahoam“ fühlt. Flexibilität ist in Zeiten, in denen in Franck Ribery und Thomas Müller zwei gestandene Spieler fehlen (und auch andere Wehwehchen haben), sein Bonus.
James hat die Belastungen der vergangenen Wochen anscheinend gut weggesteckt, kann aber – und das war auch in Dortmund eines der wenigen Mankos – noch deutlich robuster werden. Im Topspiel gewann er nur 50 Prozent seiner direkten Duelle, vor Zweikämpfen schreckt der zu Beginn der Saison verletzte Profi manchmal noch zurück. Da springt er dann nicht so rein wie in jenen Ball, den Alaba am Samstag ins Netz zirkelte. Aber es muss ja noch Luft nach oben geben. Irgendwann wird James wieder in Dortmund auflaufen – und jede Wette: Nobby Dickel wird dabei sein.