München – „Film ab!“, hieß es im Münchner Weststudio, und alle Blicke richteten sich auf die riesige Leinwand, die „Snowboard Germany“ für sein jährliches Klassentreffen angeschleppt hatte. In einem dreiminütigen Einspieler sah die eingeladene Presse dann jene junge Fahrer in Aktion, die sich kurz zuvor im Rampenlicht aufgebaut hatten.
Auch die Athleten sahen sich selber noch mal beim erfolgreichen Carven zu. Stefan Baumeister aus Feldkirchen-Westerham genoss seinen Coup, als er dem Verband in Winterberg den einzigen Sieg des Weltcupwinters 2017/18 beschert hatte – dafür wurde der 24-Jährige später als „Rider of the Year“ ausgezeichnet. Auch sein dritter Platz im Teamevent an der Seite von Carolin Langenhorst, 21, flimmerte noch einmal in schönen Farben über die Leinwand; dazu jede Menge dritte, vierte, auch sechste Plätze, allesamt eingefahren von Sportlerinnen und Sportlern, die eines gemeinsam haben: Sie heißen nicht Amelie Kober, nicht Isabella Laböck, nicht mal Anke Karstens.
Hoffnungsträgerinnen wie Ramona Hofmeister (21, Bischofswiesen) oder Cheyenne Loch (23, Schliersee) haben die gesundheitlichen Absenzen der alten Heldinnen genutzt, um sich ihrerseits in Position für künftige Olympia-Teilnahmen zu bringen. Eigens zu diesem Zweck wurde eine sportliche Elitetruppe formiert, die ihre Mission buchstäblich am Körper trägt. „Top-Team Pyeongchang 2018“ stand auf den weißen T-Shirts, die alle gestern demonstrativ trugen – vom jungen Freestyle-Hüpfer bis zu Präsident Michael Hölz, der gerade seine dritte Amtszeit angetreten hat. „Das ist mehr so’n ideelles Ding“, trat Pressesprecher Oliver Kraus dem Verdacht entgegen, dass bei Snowboard Germany die Zweiklassengesellschaft eingeführt wurde. „Junge Sportler sollen emotionalen Rückhalt spüren“, erklärte er: „Sie erhalten in gewisser Weise einen Vertrauensvorschuss. Die Tür bleibt aber weiterhin für alle offen, die sich mit Leistung aufdrängen.“
Darum geht es nämlich auch in Zeiten, da sich intern und extern viele Parameter verschoben haben. Die aus der Not geborene Verjüngung ist ja nur eine Herausforderung, mit der Snowboard Germany klarkommen muss. Die andere ist das geänderte Olympia-Programm, das sich deutlich in Richtung Freestyle verschoben hat. Kurzum: Der Parallelslalom hat unter den fünf Ringen ausgedient. Dafür ist 2018 erstmals auch Big Air olympisch – eine Sprungdisziplin, in der die Deutschen nicht gerade ihre Stärken haben. Als „Messer im Rücken“ bezeichnet Kraus die Programmänderung. „Nominell sind es weiterhin fünf Disziplinen, in denen wir Medaillen holen können“, führte Sportchef Stefan Knirsch aus: „Es ist aber kein Geheimnis, dass es in der Vergangenheit vor allem die Race-Mannschaft war, die für uns die Kohlen aus dem Feuer geholt hat.“
Offizielles Saisonziel ist, 17 bis 19 Athleten zu den Spielen nach Südkorea zu bringen (2014 waren es 14) und dort ähnlich viele Medaillen wie in Sotschi zu gewinnen (zwei). Dass das ambitioniert klingt, ist Knirsch bewusst. „Ist es in der Tat“, sagte der Geschäftsführer mit einem Lächeln auf den Lippen: „Es freut mich, dass das so rübergekommen ist. Im Leistungssport muss man sich ambitionierte Ziele stecken, um zu wissen, wo man eigentlich hinmarschiert. Ich denke aber, dass es auch realistisch ist, wenn uns keine weiteren Verletzungen dazwischen kreuzen.“
Die Botschaft, die Knirsch aussendet, ist klar: Dem stark verjüngten Team wird einiges zugetraut. Schon die Qualifikation der Frauen verspricht Spannung, womöglich sogar Spannungen. Für sieben hochmotivierte Fahrerinnen stehen maximal vier Startplätze zur Verfügung. „Das gibt ein Hauen und Stechen“, sagt einer aus dem Umfeld des Teams mit diabolischem Grinsen. Schließlich sind auch die verbliebenen Routiniers nicht bereit, das Feld kampflos zu überlassen.
„Man muss es so sehen“, sagt Amelie Kober, 29, ohne Gram: „Es ist ein Umbruch da – aber die Stimmung in der Mannschaft ist so gut wie nie. Es ist ein junges, hungriges Team, das auch menschlich zusammenpasst. Das reißt einen dann auch mit. Man muss mit dem Wandel mitgehen.“ Olympia-Star Kober (Silber 2006, Bronze 2014) und Sotschi-Heldin Wöhrer, damals Karstens, verfolgten die Präsentation des Eliteteams für Korea ganz hinten im Loft. Laböck, 31, die Weltmeisterin von 2013, war sogar noch weiter weg – mutmaßlich in Kiel, wo es sie seit ihrem Karriereende infolge einer Sprunggelenks-Arthrose hinverschlagen hat. Die einzige aus der alten erfolgreichen Frauenriege, die Aufnahme ins achtköpfige Eliteteam fand, ist Selina Jörg, 29.
Die junge Hofmeister, bei ihrer WM-Premiere 2017 knapp an zwei Podiumsplätzen vorbeigeschrammt, findet es jedenfalls cool, ab sofort die Gejagte zu sein. „Das fühlt sich sehr gut an für mich“, sagt die selbstbewusste Oberbayerin und fügt hinzu: „Olympia war schon immer mein Traum. Ich denke, der Konkurrenzkampf pusht uns alle.“ Nicht mal die Sicherheit sei ein Thema, das sie von ihrem Weg abbringen könne.
Für Kober waren das größte Hindernis sechs Knie-Operationen, die sie zwei Jahre ihrer Karriere gekostet haben. Jetzt ist sie wieder fit und sagt: „Ich freue mich riesig, dass ich nach der langen Leidenszeit die Chance auf meine vierten Spiele habe.“ Und wer behauptet eigentlich, dass danach schon Schluss sein muss für die älteren Damen? Kober jedenfalls sagt: „Dass ich die fünften Spiele (2022) auch noch in Angriff nehme, ist unwahrscheinlich. Aber ich sage auf keinen Fall, dass nach Korea sicher Schluss ist für mich.“ Auf gut Deutsch: Es reizt sie, es den jungen Wilden noch einmal zu zeigen.
Auch Anke Wöhrer, 32, die noch Karstens hieß, als sie in Sotschi Olympia-Silber holte, tönt: „Ich werde schon dafür sorgen, dass mein neuer Name auch bekannt wird.“