Das aufregendste Talent Europas

von Redaktion

Leroy Sane ist bei ManCity durchgestartet – in Wembley winkt die Rolle als bester Nebendarsteller

VON ANDREAS WERNER

München – Beim FC Bayern ärgern sie sich heute. Aber was hätte man machen sollen? Als Leroy Sane im Sommer vor einem Jahr auf dem Markt war, überlegten sie lange und gründlich an der Säbener Straße, ob sie das Schalker Talent verpflichten sollten. Doch der aufgerufene Preis erreichte schon damals astronomische Ausmaße – 50 Millionen Euro für einen 20-Jährigen? Außerdem hatten die Münchner neben den alternden Stars Franck Ribery und Arjen Robben in Douglas Costa und Kingsley Coman ja zwei Hoffnungsträger für die Zukunft. Sane ging zu Manchester City. Beim Länderspiel am Freitag in Wembley wird er im Fokus stehen, auch wenn er nicht in der Startelf auftauchen sollte. Die UEFA erklärte ihn neulich während des Champions League-Gastspiels in Neapel zum „aufregendsten Talent Europas“.

Für Sane ist es ein echtes Heimspiel geworden, und das war bis vor Kurzem nicht unbedingt zu erwarten. Erst in den letzten Wochen startete er durch; wettbewerbsübergreifend gelangen ihm in 16 Spielen acht Tore und fünf Vorlagen – fast so viele wie in der gesamten Saison. Den FC Liverpool mit Jürgen Klopp tyrannisierte er mit einem Doppelpack, dann schoss er die „Citizens“ mit zwei Treffern in die nächste Pokalrunde, und neulich beim 5:0 über Crystal Palace öffnete er mit einem feinen Lupfer die Tür zum Sieg, vorausgegangen war eine Volleyannahme aus dem Lehrbuch. „Sanes Tor ist enorm wichtig gewesen“, gab auch Pep Guardiola zu, „das war brillant.“ Sanes Hoch brachte seinen Coach zuletzt zunehmend in Verlegenheit.

Denn Guardiola musste sich rechtfertigen, warum er den jungen Deutschen so lange unter Verschluss gehalten hatte. Das erste Jahr ging als durchwachsen durch, das zweite begann Sane als Bankdrücker. In den ersten fünf Spielen stand er nur ein Mal in der Startelf. Das Talent sei in keiner guten Verfassung aus dem Urlaub gekommen, erklärte der frühere Bayern-Trainer, „er hat keine gute Vorbereitung absolviert und war nicht gut in den Testspielen. Er hatte es nicht verdient, zu spielen.“ ManCity hat fünf starke Angreifer auf der Gehaltsliste. Man muss schon etwas bieten, um da dranzukommen. Bei Sanes Gala gegen Crystal Palace saß Joachim Löw auf der Tribüne. Der Bundestrainer setzte ihn zuletzt sechs Minuten gegen Aserbaidschan ein, den Confed Cup verpasste Sane verletzt – auch in dieser Beziehung ist Luft nach oben.

Keine Hobbys: Mit Papa Souleymane von klein auf am Ball

Womöglich hat es sich Sane selbst schwer gemacht. An ein bestimmtes Champions League-Tor wird er sich immer erinnern: Er ließ sich ein Tattoo stechen, das ihn beim Jubel auf seinem Rücken zeigt. Bei seinen Teamkollegen kam das nicht gut an, zu selbstverliebt, schimpfte etwa Raheem Sterling, er nannte es ein „Scheiß-Tattoo“. Nun ist es nicht so, dass Tattoos unter britischen Fußballern verpönt wären, im Gegenteil. Doch es ging nicht allen so unter die Haut wie Sane. Das Tor, das er so feierte, fiel beim 5:3 gegen Monaco. ManCity schied aus. Es kommt nicht gut an, wenn man den eigenen Erfolg über den des Teams stellt.

Sane entschuldigte sich später, er habe sich einfach gefreut über so ein Tor in Europas Eliteliga. „Davon habe ich immer geträumt, schon als Junge.“ Tatsächlich lag ihm der Fußball vielleicht noch mehr als den meisten anderen Talenten im Blut; sein Papa Souleymane Sane kickte auch in der Bundesliga, gut 25 Jahre vor seinem Sohn. Der kleine Leroy wollte nie Astronaut werden wie andere Jungs, nie Baggerfahrer, „immer Fußballer – ich hatte auch keine Hobbys, nur den Ball“. Mit seinem Papa trat er die Kugel von früh bis spät, im Garten, auf dem Bolzplatz, überall. Mit vier Jahren begann er bei der SG Wattenscheid 09, wo auch Souleymane aktiv war. Mit acht ging er zu Schalke, mit 12 zu Leverkusen. Alles war auf die Karriere ausgerichtet; er konnte weiter bei seinen Eltern wohnen, nachmittags kam der Fahrdienst. Mit 18 wurde er Profi bei Schalke 04. Zwei Jahre später kostete er 50 Millionen.

Doch auch das soll kein Grund zum Ausruhen sein. Leroy Sane ist ja gerade mal 21 Jahre jung, erreicht hat er noch nichts – abgesehen von seiner Mithilfe, dass ManCity den besten Saisonstart seiner Geschichte hingelegt hat. Er hofft auf Guardiola, „er hilft mir sehr“, sagte er neulich zu „Soccer Saturday“. Der Katalane habe „mein Fußballspiel komplett verändert. Ich bin durch ihn viel besser geworden – auf verschiedenen Ebenen.“ Guardiola setze ihn zudem auch immer wieder unter Druck, „ich denke, das brauche ich. Er sagt, dass ich darüber nachdenken soll, was ich nicht so gut kann.“

Macht er auf diesem Weg weiter, kann er viel erreichen. Neue Tattoos schließt Leroy Sane nicht aus – und wenn sie ihn mit einem Titel darstellen, wird er wohl auch nicht mehr dafür verspottet werden.

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