„Die Gefährdungslage wächst“

von Redaktion

Katar will mit einem einzigartigen Sicherheitskongress Maßstäbe für sportliche Großereignisse setzen – es geht um mehr als nur die WM 2022

VON ANDREAS WERNER

Doha – Es fehlen wirklich nur sehr wenige Meter, dann hätte der Saal im Untergeschoss des St. Regis Hotels in Doha die Maße eines Fußballfeldes. Seit gestern brüten dort über 350 Experten aus mehr als 65 Ländern über Sicherheitskonzepten, wobei es bei der ersten Zusammenkunft dieser Art im Sport weit über die WM 2022 im Wüstenemirat hinausgehen soll. Ziel ist, sagte Hasan Al-Thawadi bei seiner Begrüßung, „ein Vorbild für alle kommenden Großveranstaltungen des Sports zu sein“. Man wolle „eine Partnerschaft initiieren, die auch in die Zukunft nachwirkt“, so der Generalsekretär von Katars WM-OK. „Wir sehen 2022 als eine Plattform, um allen Menschen zu helfen. Wir brauchen einander.“

Zehn Jahre hat Katar Zeit, um sich auf die WM vorzubereiten. Diese lange Einstimmungsphase wird genutzt. Während sich die Arbeitsbedingungen der Stadionbaustellen laut Regierung schrittweise verbessern, nimmt man den Sicherheitsaspekt schon lange ernst. Bereits 2012 ging das Emirat eine Partnerschaft mit Interpol ein, gestern war die Rede des Deutschen Jürgen Stock, Generalsekretär der internationalen Behörde, Kern des ersten Konferenztages. Er dankte Katar für die Organisation der Veranstaltung und nannte sie „ein Musterbeispiel für den Kampf gegen das Verbrechen weltweit“ – man benötige „ein Frühwarnsystem gegen globale Bedrohungen“ mehr denn je.

Eine gute Stunde nach seiner Rede nimmt Stock in der 9. Etage des St. Regis Hotels Platz. „Eine wunderbare Aussicht“, lobt er, tatsächlich ist der Blick von hier oben hinaus auf den Persischen Golf atemberaubend. Dass die Welt aber düstere Seiten hat, daraus macht der 58-Jährige im Gespräch keinen Hehl. Die Analyse bei Massenveranstaltungen laute: „Die Gefährdungslage wächst.“ Stock sagt das sogar zwei Mal – binnen nur zehn Minuten.

Die Sicherheitslandkarte sei heute schwerer zu überblicken. Umso lobenswerter seien die Anstrengungen, die Katar unternehme. Die ersten Erfolge hätten sich bereits am Vormittag ergeben, so Stock. Man baue ein Netzwerk, eine Plattform auf, um sich bei der Bekämpfung des Verbrechens künftig besser austauschen zu können. „Wir teilen unsere Erfahrungen, wir lernen alle voneinander, so können wir den Herausforderungen begegnen.“ Das organisierte Verbrechen, Terror und Cyberkriminalität manifestieren sich auf internationalen Wegen – doch an gemeinsamen Gegenstrategien wird momentan in Doha gearbeitet. Nicht zuletzt die Cyberkriminalität sei laut Stock ein Element, „gegen das ein Land isoliert niemals ankommen kann“. Das Internet sei bei all seinen Möglichkeiten auch ein Tummelplatz der dunklen Seelen geworden. Im sogenannten „Darknet“ seien, erklärt der Experte, die Grenzen der Legalität leicht auszuhebeln. „Aber wir sind nicht blind, wir wissen, was auf der Welt passiert“, versichert er.

Katar ist sich seiner schützenden Rolle als Gastgeber bewusst, meinte Al-Thawadi. Beim Kampf gegen das Verbrechen ginge es zudem auch um einen „Kampf gegen Armut und für mehr Bildung“. Über 350 Personen zerbrechen sich über so hohen Zielen nun in Doha den Kopf. Dass sie in ihrem fußballfeldgroßen Saal da den Überblick behalten, wäre im Sinne aller friedlebenden Menschen.

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