Die WM als Katalysator für Verbesserungen

von Redaktion

UN-Organisation lobt Arbeitsmarktreformen von Katar und hebt Untersuchungen gegen das Emirat auf

VON ANDREAS WERNER

Doha – Der Emir von Katar ist in Doha überall. Und in dem Fall handelt es sich nicht um eine Metapher. Der stilisierte Kopf von Hamad bin Chalifa Al Thani begegnet einem in Katars Hauptstadt derzeit auf Schritt und Tritt. Er ziert in charakteristischen Pinselstrichen in schwarz-weiß die Scheiben jedes zweiten Autos, begrüßt Besucher an Hotelfoyerwänden und klebt stockwerkeübergreifend hoch an den Wolkenkratzerfassaden. Wo es möglich ist, schreiben manche ihren Namen auf das Plakat, was nicht als Vandalismus fehlgedeutet werden sollte. Das Bild wurde Anfang Juni von einem katarischen Künstler angefertigt. Als die Nachbarstaaten einen Boykott gegen das Wüstenemirat verhängten, wurde es millionenfach verbreitet. Es ist ein Zeichen, dass man zur Herrscherfamilie steht.

Die Fassade des Al Bidda Tower kommt auf seinen 42 Stockwerken ohne das Konterfei des Emirs aus, dennoch ist das Embargo auch hier ein Thema. Das Gebäude beherbergt das Organisationskomitee für die WM 2022, im Erdgeschoss läuft auf einem riesigen Bildschirm der Countdown zum Turnierstart: 60 Monate sind es noch und ein paar zerquetschte Wochen. Aber findet die WM überhaupt statt, es gibt ja viele Probleme, nicht zuletzt das Embargo zum Beispiel? Hassan Al-Thawadi, Generalsekretär des WM-OKs, schüttelt bei dieser Frage den Kopf.

Anfangs, gibt er zu, habe man schon Probleme gehabt. Aber inzwischen sind die geschlossenen Grenzen sowie die eingedämmten Flug- und Schifffahrtsrouten kompensiert, so Al-Thawadi. Tatsächlich fehlt es den Einwohnern des Emirats an nichts. Gab es zu Beginn des Embargos Hamsterkäufe, ist längst wieder Alltag eingekehrt. „Wir haben alternative Partner gefunden“, erzählt Al-Thawadi. Während Ägypten, Saudi-Arabien, die Vereinigten Emirate, Bahrain, Libyen, Jemen, die Malediven und Mauritius bei ihren Sanktionen bleiben, kommen die Güter nun aus dem Iran und Kuwait. „Es gibt alles, Besucher müssen keine Sorgen haben – wir haben Qualität und Quantität, wie immer“, sagt Al-Thawadi.

Katar gibt sich weiter alle Mühe, der Welt zu gefallen. Seitdem man die WM 2022 anvertraut bekam, sieht man sich Kritik ausgesetzt. Mangelhafte medizinische Betreuung und zu wenige Pausen bei großer Hitze lauten die aktuellen Vorwürfe. Man nehme das ernst und stehe für Diskussionen offen, sagt Al-Thawadi. Er verweist aber auch nicht ganz zu Unrecht darauf, dass die Liste der Beanstandungen in der Sonne Katars schmilzt. „Die WM ist ein Katalysator für Verbesserungen“, meint der OK-Chef. „Aber wir haben inzwischen mehr Inspektoren, das Kafala-System wurde abgeschafft, die Infrastruktur ist verbessert“, zählt er auf, ehe er sagt: „Aber sind wir schon fertig mit den Verbesserungen? Nein! Jede Nation kann mehr tun, Katar auch. Aber wir arbeiten jeden Tag daran, die Situation zu verbessern.“

Die Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen hob ihre Untersuchungen gegen Katar wegen der Arbeits- und Lebensbedingungen gestern sogar offiziell auf. Die UN begrüßte die „ermutigende Entwicklung, wir feiern diesen Moment für Katar“. Das sei „ein Durchbruch“. Der Internationale Gewerkschaftsbund schloss sich gestern an: „Die neuen Vorschriften signalisieren den Beginn wirklicher Reformen in Katar.“

„Wir haben eine Vision“, sagt Al-Thawadi, „dass wir mit dieser WM eine Messlatte setzen und eine soziale Entwicklung in der ganzen Region vorantreiben.“ Der OK-Chef ist heiser, fast so, als würde er sein Vorhaben täglich aus dem Al Bidda Tower hinaus in die Welt rufen. Aber ganz vielleicht ist es auch einfach nur so, dass der Mann bloß gehört werden möchte.

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