München – Es passt zu Marcel Halstenberg, dass der Leipziger und Joachim Löw am vergangenen Freitag erst nach Anlaufschwierigkeiten zueinander gefunden haben. Als der Bundestrainer bei ihm durchklingelte, um die frohe Kunde der Nominierung für die Länderspiele gegen England und Frankreich zu überbringen, ließ Halstenberg den Anrufer mit der unbekannten Nummer zunächst auf seine Mailbox weiterleiten. Erst, als er die Nachricht abhörte, rief er umgehend zurück.
Löw habe ihm um 10.30 Uhr „auf die Mailbox gequatscht“, erzählte der DFB-Neuling später. Beim Rückruf stellte sich der Bundestrainer dann zunächst einmal vor und meinte, er würde gerne einmal sehen, wie sich Halstenberg so im Kreis der DFB-Auswahl mache. „Es ist eine Ehre“, sagte der Leipziger, der vermutlich selbst nicht mehr mit so einem Anruf gerechnet hätte. Seine Karriere ist ein Irrgarten. Erst vor einem Jahr, da zählte er schon 25, debütierte er in der Bundesliga. Nun steht er kurz davor, der 95. Nationalspieler in der Ära Löw zu werden. Der Begriff „Spätentwickler“ ist da fast eine Untertreibung, zumal der Fußball dieser Zeit jünger denn je daherkommt. Aber besondere Umstände erfordern ja bekanntlich besondere Maßnahmen.
Löw hat schon beim letzten Zusammentreffen seiner Nationalelf mal wieder gegrummelt, dass er auf den defensiven Außenbahnen dünn besetzt ist. Joshua Kimmich ist der Philipp Lahm dieser Zeit; bitte bloß nicht verletzen! Auf der Gegenseite gibt es Jonas Hector, doch der Kölner fällt schon zwei Monate und bis ins neue Jahr mit einem Syndesmosebandriss aus, was Kummer macht, denn hinter diesem Duo klafft eine Lücke, groß genug, um Londons „Big Ben“ darin zu versenken. Herthas Marvin Plattenhardt erhielt zuletzt eine Bewährungschance, aber so richtig überzeugen konnte er nicht.
Darum also Halstenberg, der einst bei Germania Grasdorf in Niedersachsen begann, dann bei Hannover und Dortmund II an den Profibereich schnupperte und erst jetzt, mit 26, in Leipzig richtig in der Branche angekommen ist. Sein Klubcoach Ralph Hasenhüttl rühmt sein Tempo, seine Kopfballstärke und seinen starken linken Fuß – ob der Mann aber tatsächlich WM-Reife hat, ist zu bezweifeln. In den Champions League-Spielen offenbarte er einige Male, dass er bis vor einem Jahr, das ist nur ein Wimpernschlag im Profifußball, noch nicht einmal in der obersten deutschen Spielklasse kickte. Am fünften Spieltag der letzten Saison holten ihn die Leipziger vom Zweitligisten FC St. Pauli. Drei Millionen Euro war er ihnen wert.
Dass er nun womöglich ausgerechnet in England seine Premiere mit dem Bundesadler feiert, ist kurios, weil ein deutscher Coach, der gerade auf der Insel für Schlagzeilen sorgt, maßgeblichen Anteil an seiner Entwicklung hat. Halstenberg begann bei Dortmunds Reserve einst als Stürmer, doch David Wagner, heute Trainer von Huddersfield Town, schulte ihn zum Außenbahnspieler um. Seitdem ging es aufwärts – wenn auch mit Umwegen.
Halstenberg freundete sich immer mehr mit dem Defensivpart an; seine Vorbilder sind die Linksfüße Roberto Carlos und Rivaldo – und auch David Beckham, dessen „23“ er sich bei Leipzig ausgesucht hat. Mit dem Briten gemeinsam hat er, dass er gefährliche Freistöße schießt. „Halb rechts, rund 25 Meter vom Tor entfernt“, sagt er, sei seine Lieblingsausgangsstelle.
Ob sie ihn Freistöße schießen lassen im DFB-Team, wird sich zeigen. Aber Halstenberg ist ja bereits glücklich mit der Nominierung. „Ich will alles aufsaugen und alles mitnehmen“, meinte er. Ein Anfang ist gemacht – denn zumindest Löws Nummer hat er jetzt ja schon mal. awe