Instinktfußballer ohne Instinkte

von Redaktion

Mario Götze sucht sich seit seinem WM-Coup vor drei Jahren selbst – nun auch wieder im DFB-Team

Von MICHAEL NADLer

Berlin – Natürlich hat ihn dieses Tor, sein Tor, auch gestern erneut eingeholt. Als Mario Götze zum ersten Mal seit einem Jahr wieder als Gesprächspartner im Kreis der Nationalmannschaft zur Verfügung stand, dauerte es nur ein paar Minuten, schon war das WM-Finale 2014 Thema. Niklas Süle gluckste an seiner Seite oben auf dem Podium und erinnerte sich, wie er mit 18 Jahren mit seinen Kumpels das Finale von Rio auf der Leinwand schaute. Als Götze das Tor des Abends machte, sei er ausgerastet, berichtete er. Der Held von Rio sagte: „Jetzt ist 2017. Und nächstes Jahr ist wieder eine WM.“

In diesen zwei Sätzen nüchterner Nachlese steckt unendlich viel, sie dampfen drei verkorkste Jahre seit Götzes Coup am 13. Juli 2014 ebenso zusammen wie sie den Fokus nach vorne richten. Mario Götze ist seit dem WM-Finale ein Getriebener. Er visiert fast schon manisch immer wieder das nächste Ziel an, während der Blick in den Rückspiegel nur zum Trübsalblasen veranlassen würde. Mario Götze ist eines der größten Fußballmysterien der deutschen Fußballgeschichte.

Nichts mehr ist heute zu sehen von dem einstigen Dortmunder Gipfelstürmer, den der FC Bayern den Borussen heimtückisch abluchste, weil man als FC Bayern nun einmal heimtückisch sein muss in solchen Fällen. Götze war ein Instinktfußballer, dem die Fans zu Füßen lagen und auch die Gegner, wenn er sie mit Hackentricks narrte, die keiner erwartet hatte. Doch als er nach München umzog, blieben die Instinkte auf der Strecke. Und er fand sie auch nicht wieder, als er nach drei Jahren Frust wieder zu Schwarz-Gelb zurückkehrte.

Wobei die Suche nach sich selbst wohl selten unter so schweren Parametern stattfand wie im Fall des 25-Jährigen. Der damalige BVB-Trainer Thomas Tuchel galt nicht als Befürworter der Rückholaktion, und dann nahm dem Offensivmann eine Stoffwechselerkrankung den letzten Schwung. In der vergangenen Saison schaffte er es auf gerade mal 14 Startelfeinsätze. Es konnte nur besser werden. Und im Sommer herrschte dann tatsächlich Aufbruchstimmung.

Tuchel weg, die Erkrankung im Griff – Götze legte los, und der neue Coach Peter Bosz schwärmte, dass dieser Bursche jeden Tag Spaß mache bei der Arbeit. Anfangs lief es beim Wiedergeborenen und den Borussen, doch inzwischen kam man Seite an Seite wieder aus dem Tritt, und das gehörig. Drei Torvorlagen in der Liga, eine in der Champions League – das ist nicht berauschend für den Mann, der noch immer das prominenteste BVB-Gesicht ist und eigentlich eine zentrale Schaltstelle. „Das ist nicht der Anspruch, den wir an uns haben, definitiv nicht“, sagte er nach dem 1:1 neulich gegen Nikosia. Er meinte das Team, doch es galt auch für ihn selbst.

62 Länderspiele hat er bisher, 2018 wird ein entscheidendes Jahr für den WM-Helden von 2014. Er hat das Glück, dass Joachim Löw trotz einer imposanten Auswahl an Spitzenkräften noch immer keinen gefunden hat, der ihm nachhaltig den Rang ablaufen konnte. Nur ist die Frage, wo sich der Dortmunder denn generell sieht.

Bosz setzt ihn tiefer ein als früher, doch ein Stratege war der 25-Jährige eigentlich nie, obwohl er den Strippenzieher Andres Iniesta vom FC Barcelona als einen Spieler angibt, an dem er sich fußballerisch orientiert. Löw lobt, Götze habe sich „wieder stabilisiert“. Doch was heißt das bei einem, der zuletzt zwischen historischen Extremen gependelt ist? Als noch aktiver WM-Held in der Versenkung zu verschwinden, mit nur 25 Jahren, dieses Schicksal drohte Götze bereits 2016 recht akut. Er spielt weiter dagegen an. Nun auch wieder bei der Nationalelf. Dort, wo 2014 der Wirbel begann.

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