„Robben hat es leichter als ich“

von Redaktion

Der „überholte“ Willi Lippens über 93 Bundesliga-Tore früher und heute, die magische 100er-Marke und sein Comeback

München – An der Tür seines Restaurants in Bottrop steht sein legendärer Spruch. „Ich danke Sie“ lesen die Gäste von Willi „Ente“ Lippens, wenn sie die Wirtschaft betreten – die Antwort, die der einstige Essener und Dortmunder Spieler 1965 einem Schiedsrichter gab, der zu ihm gesagt hatte: „Ich verwarne Ihnen.“ Lippens ist inzwischen 71 Jahre alt, aber immer noch genauso gut drauf wie damals. Und das, obwohl er seit Samstag – also seit Arjen Robben beim 3:1 des FC Bayern gegen Dortmund traf – nicht mehr holländischer Rekordtorschütze der Bundesliga ist. Er hat 92 Mal getroffen, Robben (bisher) 93 Mal.

-Herr Lippens, haben Sie das Spiel verfolgt – also sozusagen mitgezittert?

Ich habe es nicht live gesehen, erst in der Aufzeichnung. Ich war vorher unterwegs und habe es dementsprechend gar nicht mitbekommen, dass ich da überholt wurde. Deswegen hat es mich auch kalt gelassen im ersten Moment.

-Und dann?

Dann – als mich viele Bekannte darauf aufmerksam gemacht haben – war ich schon ein bisschen sentimental. Im Prinzip ist das ja eine Wachablösung an Generationen. Zu solchen Gelegenheiten wird man dann immer wieder daran erinnert, wie alt man ist (lacht). Das sind gemischte Gefühle, die einen da übermannen. Aber man kann es nicht mehr rückgängig machen. Es ist abgehakt – und fertig. Und wenn man so will, hat der Rekord ja lange genug gehalten. Ich kann damit leben, das ist doch klar.

-Knapp 30 Jahre lang. Wie lang wird die Marke von Robben bestehen?

Es geht doch immer weiter – und es wird auch jemanden geben, der ihn ablöst. Vielleicht ist der aber noch gar nicht geboren, so wie Arjen, als ich meine Tore geschossen habe.

-Sie haben damit rechnen können, dass er sie einholen wird, oder?

Das war mir klar. Aber ich habe gehofft, dass er den Verein verlässt und ins Ausland wechselt – das ist dann nicht wahr geworden (lacht). Aber ich gönne es ihm auch. Es ist nun mal so, die Zeiten verändern sich – und es ist auch nur eine Statistik.

-Knackt Robben die magische Zahl 100?

Ich denke schon, die ist nicht mehr weit entfernt. Er kann es sogar in dieser Spielzeit schon schaffen, so wie er spielt.

-War diese Marke auch Ihr Ziel zu aktiven Zeiten?

Klar! Ab 80 denkt man an die 100. Aber es hat leider nicht ganz geklappt. Auch, weil man mal sehen muss, dass Arjen Robben in einer Mannschaft spielt, die qualitativ deutlich besser ist als meine zu der Zeit. Er hat eine Vielzahl an Chancen, die ich nicht hatte.

-Wie war Toreschießen früher, wie ist es heute?

Wenn man in einer Mannschaft wie Bayern München spielt und nicht ganz auf den Kopf gefallen ist, macht man die Tore etwas leichter. Die Abwehr kann sich ja nicht nur auf einen Mann konzentrieren – das war zu meiner Zeit anders. Ich war vorne oft ganz alleine drin, da wird man ganz anders markiert.

-Für Sie war es schwerer, die Tore zu schießen?

Ich glaube ja, auch wenn Arjen sicher sagen wird, dass er auch nichts geschenkt kriegt.

-War Ihre Dribbelstärke der Schlüssel zu den Toren?

Klar, das hat mir enorm geholfen. Die Technik und das gute Auge für die Situation, das ich ja auch immer hatte.

-Gibt es einen Spielertypen von heute, der Ihnen ähnelt? Oder halten Sie nichts von Vergleichen des Fußballs früher und heute?

Naja, die äußeren Umstände haben sich ja nicht groß verändert. Die Tore stehen noch am selben Platz, die Regeln sind so gut wie gleich. Aber trotzdem ist es so, dass man Generationen nicht miteinander vergleichen kann – das sagt ja allein das Wort Generationen. Ich habe mich nie mit Helmut Rahn oder Fritz Walter vergleichen können – deshalb kann ich es auch nicht mit Arjen Robben oder anderen.

-Könnten Sie heute denn noch mitspielen?

Ja! Ich finde es einen absoluten Fehler, zu sagen, wir von damals könnten in der heutigen Zeit nicht mehr Fußball spielen. Das stimmt nicht! Wir hatten genauso gute Technik, einen genauso guten Blick für die Situation, genauso viel Cleverness. Unsere Vorbereitung, unser Aufwand war ganz anders – aber ich glaube nicht, dass wir weniger Talent haben als die heutigen Topspieler. Da trifft man die Leute, die etwas älter sind, schon ein wenig in ihrem Stolz. Mich auch!

– Zumal Sie ja heute noch Fußball spielen könnten. Rot-Weiß Essen hat Ihnen zum 70. Geburtstag vor zwei Jahren eine Spielberechtigung geschenkt.

Mein Einsatz steht noch aus, die Tabellensituation hat es damals nicht zugelassen. Das ist aber noch nicht vom Tisch – und solange ich nicht getragen werden muss, mache ich das auch. Es muss nur passen . . . das wird ein Riesen-Spaß.

-Arjen Robben ist 33 – wie viele Jahre trauen Sie ihm noch zu?

Einige. Ich habe doch auch erst mit 36 aufgehört. Wenn man fit ist, wenn man dafür lebt, mit seinen Kräften haushaltet, dann kann der Körper das ab. Ich glaube nicht, dass das sein letztes Jahr beim FC Bayern ist.

-Wie lange kann er den Bayern denn noch helfen?

Auf jeden Fall noch länger. Seine Spielart wird sich im Alter nicht verändern – und sie tut jedem Team gut. Wie schnell der mit dem Ball ist, ist Wahnsinn, dieser Bomben-Antritt. Den kann man immer gebrauchen. Das können nur wenige.

-Regenerieren kann er nun in Länderspielpausen.

Sein Rücktritt war in Ordnung. Was will er da noch erreichen? Es ist vernünftig, die Belastung ein bisschen zurückzufahren. Schlussstrich, Ende, Feierabend – das war richtig.

-Sie haben sich immer eher deutsch als niederländisch gefühlt, oder?

Ich bin immer zwischen den Stühlen gesessen. Ich bin aufgewachsen mit einem Vater, der mehr zu Holland tendiert hat, aber in Deutschland zur Schule gegangen. Ich habe meinem Vater dann den Gefallen getan und mein einziges Länderspiel für Holland gemacht. Das war ein Fehler! Denn ich glaube, ich hätte bei der WM 1974 auch eine Chance gehabt, für Deutschland zu spielen. Aber ich bereue es trotzdem nicht . . . das ist alles Schnee von gestern – wie auch mein Rekord (lacht). Das ist jetzt Arjens Rekord.

Interview: Hanna Raif

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