Für das, was Teile Fußball-Europas seit gestern mitmachen (besser: durchleiden), haben die Schweizer einen passenden Begriff geprägt. „Barrage“ heißt das Nadelöhr namens WM-Playoffs im Sprachgebrauch der Eidgenossen. Der Begriff ist der Militärsprache entlehnt und lässt sich übersetzen mit: Sperrfeuer, Feuerwalze. Kriegstaktisch gesehen dient eine Barrage dazu, einen Feind unter massivem Einsatz von Sprengstoff auszusperren. Die martialische Konnotation im Fußball ist gewollt, denn was es bedeutet, von einer WM ausgesperrt zu sein, erleben gerade die Holländer (nicht zum ersten Mal). Auch für die Schweizer wäre ein WM-Aus die Hölle, nachdem sie ihre Quali-Gruppe bis zum letzten Spieltag dominiert hatten. Aber das ist noch gar nichts gegen das aktuelle Leiden der Italiener.
Als stolze Fußballnation überhaupt nachsitzen zu müssen, kommt im Land des viermaligen Weltmeisters einem Debakel gleich, mindestens aber einer Demütigung. Italiens emotionale Presse wertet das Abschneiden in der Qualifikation als Schande, und nicht minder dramatisch sind die Begriffe, die im Zusammenhang mit einem möglichen Scheitern in den Schlagzeilen landen: Apokalypse, Weltuntergang. Staatstrauer droht, wenn das heute und am Montag schiefgeht gegen Schweden. Dabei gibt es durchaus Gründe dafür, dass die Squadra Azzurra noch mindestens 2 x 90 Minuten zittern muss.
Schon die Besetzung des Nationaltrainers nach der EM 2016 war umstritten. Auf Taktikfuchs Antonio Conte (jetzt FC Chelsea) folgte Gian Piero Ventura; ein italienischer Peter Neururer, der zuvor 15 eher kleinere Klubs betreut hatte. Auch die aktuelle Mannschaft ist nicht so gut wie viele vor ihr. Bis auf das alternde Duo Buffon/Chiellini fehlt es an furchteinflößenden Autoritäten und Abwehr-Koryphäen. Dazu kam Pech. Mit Spanien in einer Gruppe zu landen, ist eine Bürde, die man im Land von Losglück-Weltmeister Deutschland nicht kennt.
Aber: Fußball-Italien ist es ja gewohnt, immer mal wieder mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Erinnert sei an die WM 1982, als nach drei Remis in der Gruppenphase großes Wehklagen einsetzte – und trotzdem am Schluss der Titel gefeiert wurde. 2006 war die Situation kaum anders. Im Vorfeld des Turniers in Deutschland hatte ein Manipulationsskandal um Rekordmeister Juve für ein Sportbeben gesorgt. Das Ergebnis der Krise ist bekannt und speziell den Deutschen in leidvoller Erinnerung. Es war nicht der beste Fußball, den Italien 2006 spielte, doch er reichte, um Klinsmanns DFB-Auswahl im Halbfinale niederzuringen und Frankreich im Elfmeterschießen eines denkwürdigen Endspiels.
Große Fußball-Nationen zeichnet es aus, stets dann alle Kräfte zu mobilisieren, wenn es um alles geht. Deutschland ist das 2001 geglückt (Playoffs gegen die Ukraine), Argentinien in den zurückliegenden „Eliminatorias“. Auch Italien dürfte die Hürde Schweden nehmen – und 2018 wie immer einer der Titelfavoriten sein. Nach einer Lostopf-Reform ist nicht auszuschließen, dass es schon in der Vorrunde zum Wiedersehen mit Deutschland kommt. Zittern würden dann ganz sicher nicht Buffon und Co.