„Eine Wahlperiode Vollgas geht noch“

von Redaktion

Eishockey-Präsident Franz Reindl will 2018 erneut antreten und verrät, wie der WM-Erlös verwendet wird

München – Betzenweg 34 in München, die deutsche Eishockey-Adresse. Im Stadtteil Obermenzing ist der Deutsche Eishockey-Bund (DEB) zuhause. Früher war das das „Haus des Eissports“, in dem auch Eiskunstlauf- und Eissportverband ihre Zentrale hatten. Nun steht über dem Eingang „Deutscher Eishockey-Bund“. Der DEB nutzt die Immobilie alleine, er renoviert sie nach und nach, der Verband, vor einigen Jahren der Pleite nahe, hat sich saniert, ist schuldenfrei. Vor dem Deutschland-Cup, dem DEB-Turnier, das von Freitag bis Sonntag mit den Teams aus Russland, USA und Slowakei in Augsburg stattfindet, sprachen wir mit DEB-Präsident Franz Reindl.

-Franz Reindl, die Eishockey-Weltmeisterschaft in Köln und Paris liegt knapp sechs Monate zurück. Kann man Bilanz ziehen?

Eine Weltmeisterschaft ist vor allem Promotion für eine Sportart, für uns war sie top. Viele Leute haben mich angesprochen und gesagt, die WM sei auch im Fernsehen durch die Präsentation und durch Experten wie Rick Goldmann bei Sport1 gut rübergekommen.

-Keine Beschwerden?

Doch. Vom weißrussischen Verbandspräsidenten. Die Mannschaft von Weißrussland kam in Paris mit dem Zug an und geriet gleich am Bahnsteig in eine sehr lange und ausführliche Pass- und Visumkontrolle, umgeben von viel bewaffneter französischer Polizei. Das wurde natürlich nach Hause gemeldet, und der Verband hat dann an Rene Fasel (Präsident des Eishockey-Weltverbands IIHF) und mich als Leiter des WM-Organisationskomitees einen Brief geschrieben. In Köln jedoch hatten wir keinen einzigen Sicherheitsvorfall, in Zeiten wir diesen kann man danach wirklich das Kreuz schlagen.

-Was ist finanziell hängen geblieben von der WM in Köln?

Der Jahresabschluss steht noch aus, doch man kann sagen: Es werden um die zwei Millionen Euro sein, die der DEB als Rechteverwertungsentgelt bekommt. Anders als nach den Weltmeisterschaften 2001 und 2010 müssen wir damit keine Löcher stopfen und ums Überleben kämpfen, sondern investieren erstmals in die Zukunft. In den Sport.

-In welcher Form?

Mit mehr Sportpersonal, mehr Maßnahmen und unserem Fünf-Sterne-Programm. Wir betreuen derzeit 57 Vereine im Nachwuchs, von der DEL bis zur Oberliga, sowie acht Frauen-Bundesligisten, die werden regelmäßig besucht, zwei bis fünf Mal im Jahr, da kommen 250 Visiten pro Saison zusammen. Ernst Höfner (früherer Nationalspieler, später Co-Trainer der Nationalmannschaft, Nachwuchs-Chefcoach und DEB-Sportdirektor) ist für dieses Programm zuständig, um die 14 DEL-Klubs kümmert sich vorrangig Uli Liebsch, der beim Förderverein Deutscher Eishockey-Nachwuchs angestellt ist, der wiederum von den DEL-Klubs finanziert wird, was uns auch entlastet.

-Wie lange dauert solch ein Besuch?

Den ganzen Tag. Ernst geht mit verschiedenen Altersklassen aufs Eis, coacht die Coaches und das Management, geht mit zu Behörden, wenn es notwendig ist, berät in Sachen Eisstadiennutzung und wie die Vereine schon im Kindergarten Recruitment betreiben können. Er ist einfach Vereins- und Talentbetreuer, das ist jetzt seine Nische, und unsere anderen Verbands- und Honorartrainer helfen ihm dabei. Diese Arbeit ist unser Kern im Konzept und der Vision „Powerplay 26“. Nach langen Jahren von Stagnation und Rückgang steigt die Zahl der Anmeldungen im Nachwuchsbereich. Die Vereine sind sehr rege mit Veranstaltungen: Kids’ Days, Girls’ Days. Wir haben 280 Sonderveranstaltungen bei den 65 Vereinen.

-Die Talente zieht es aber in wenige Zentren.

Wenn ein Spieler im Nachwuchs wechselt – warum tut er das? Des Geldes wegen nicht, sondern um eine vielleicht bessere Ausbildung zu erhalten, gute Trainingsmöglichkeiten zu haben. Mannheim ist unser bestes Zentrum, hat in den letzten Jahren die DEL mit zirka 80 Spielern versorgt. Wenn du in Mannheim einen Platz kriegst, ist das wie ein Stipendium. Gleiches gilt für die Red-Bull-Akademie in Salzburg. Köln macht Supernachwuchsarbeit, Berlin sowieso, in Ingolstadt, Bad Tölz, Kaufbeuren, Landshut, Regensburg, Füssen tut sich was ebenso wie in Dresden, Crimmitschau, Weißwasser, um nur einige zu nennen. Wir haben auch in der Trainerausbildung wahnsinnig viel Bewegung, sie hat sich mit Karl Schwarzenbrunner und Stefan Schaidnagel enorm verbessert. Es geht bei allem, was wir tun, um die Wahrheit auf den 60 mal 30 Metern Eisfläche. Nur durch gezieltes, tägliches Training wird man besser.

-Ist auch der Wettkampf ausreichend gut?

Ja. Die DEL2 hat ihr Niveau durch die höhere Anzahl an jüngeren und deutschen Spielern angehoben. Wenn ich den SC Riessersee anschaue mit Spielern, die ihm der EHC München leiht – Eder, Mayenschein, Daubner, Reich: Das ist eine ganz andere Dynamik. Attraktiv. In der Oberliga haben wir dank der Selbstverpflichtung durch die Klubs nur zwei Ausländer und die Regelung, dass der Torwart Deutscher sein muss. Ernst Höfners Liste der Spieler, die das Profieishockey packen können, ist viel länger geworden. Dadurch, dass wir wieder mehr Spieler haben, können wir die Deutsche Nachwuchs-Liga DNL ab nächster Saison auch wieder als U 20-Juniorenliga anbieten. Für die meisten 18- und 19-Jährigen wäre der Sprung sonst zu groß.

-Im Sommer 2018 sind im DEB Präsidiums-Neuwahlen. Treten Sie an?

In Augsburg haben wir am Wochenende Präsidiumssitzung, da werden wir das besprechen. Das Ergebnis aus unseren dreieinhalb Jahren ist gut: strukturell, organisatorisch, finanziell, sportlich. Die Zusammenarbeit mit Daniel Hopp, Berthold Wipfler, Marc Hindelang, den DEL-, DEL2- und Oberliga-Klubs ist bemerkenswert. Den Weg müssen wir weitergehen. Es wäre schade, aufzuhören oder langsamer zu gehen. Ich fühle mich auch mit 62 motiviert. Eine Wahlperiode, in der wir richtig Gas geben, muss noch gehen. Ich habe ein gutes Gefühl. Bei der IIHF bin ich bis 2020 ins Council gewählt worden, da kann ich viel fürs Eishockey machen, fürs internationale und fürs deutsche.

-Der Bundestrainervertrag von Marco Sturm ist im dritten und letzten Jahr. Wird es eine Verlängerung geben?

Marco hat groß eingeschlagen, kommt gut an bei den Spielern, hat die Emotionen für die Nationalmannschaft geweckt. Er findet Akzeptanz von regional bis international und ist als Typ völlig unaufgeregt. Ich bin mir sicher, wir einigen uns bald. Im Anschluss an den Deutschland-Cup reist er nach Nordamerika, um die dortigen Nationalspieler zu besuchen. Wenn er zurück ist, führen wir die Gespräche weiter..

-Saisonhöhepunkt sollte das Olympia-Turnier in Pyeongchang, Südkorea sein. Aber die NHL spielt nicht mit. Was sollen wir von dieser Veranstaltung halten?

Wenn du auf diesem Niveau um Medaillen spielst, spielt die Nichtteilnahme der NHL weniger eine Rolle. Es wird, glaube ich, ein ganz ein spannendes Turnier. Klar ist es schade, dass Olympische Spiele ohne NHL stattfinden. Qualifiziert für das Turnier in Südkorea haben ja wir uns auch durch unsere NHL-Spieler wie Tom Kühnhackl, die nun keine Freigabe bekommen. Ein Rückschritt, wie annodazumal. Wann hatten wir das das letzte Mal?

-1994 in Lillehammer. Aber da hatten die Kanadier den kommenden Superstar Eric Lindros dabei, die Schweden ihr Jahrhunderttalent Peter Forsberg.

Das kann jetzt aber auch so sein. Es werden Spieler dabei sein, die sich hinterher als Superstars herausstellen. Neue Sterne werden am Himmel erscheinen.

– Augsburg ist seit 2016 Standort des Deutschland-Cups. Ein letztes Mal? Der Vertrag läuft aus.

Erst mal war es ein guter Move, dass wir nach Augsburg gegangen sind. Die Umstände – Stadion, Zuschauer, Kabinen – waren besser als in München. Das erste Jahr in Augsburg war gut, das zweite besser, vom dritten erwarten wir eine weitere Steigerung bei Zuschauerzahlen – wir peilen wieder 30 000 an – und Vermarktung. Wir werden danach ein gemeinsames Resümee ziehen, die Chance, dass wir in Augsburg bleiben, ist groß, aber es ist kein Muss. Ich denke, wir müssen das Format des Deutschland-Cups ändern. Drei Spiele an drei Tagen, das geht bei dieser enormen Intensität nicht mehr, das ist out. Dafür brauchst du 28 bis 30 Spieler, sonst bist du zu verletzungsanfällig.

-Was wäre die Lösung?

Wir denken an „Breakout Games“. Wir fangen am Donnerstag statt am Freitag an und haben einen Tag Pause. Ein Spiel wie Schweiz – Kanada oder Slowakei – USA, das musst du nicht in Augsburg austragen, damit kann man nach Zürich oder Bratislava gehen. Schon hat man eine Entzerrung. Das Wochenende an einem Spielort bliebe.

-Erstmals muss der Deutschland-Cup-Auftakt am Freitagabend, Deutschland – Russland, gegen ein Fußball-Länderspiel, den Klassiker England – Deutschland, antreten. Ärgerlich?

Gegen den Fußball können wir nichts ausrichten. Aber wir anderen Teamsportarten haben uns zusammengeschlossen: Eishockey, Basketball, Handball, Volleyball. und Fußball. Damit man sich abspricht bei WM-Bewerbungen etwa, dass sich verschiedene Sportarten nicht im selben Jahr und mit derselben Halle um ein großes Turnier bewerben. Man kann Termine harmonisieren. Ein gemeinsamer guter Auftritt war jetzt auch in Sachen Spitzensportreform des DOSB von Nutzen. Da wären wir sonst gar nicht vorgekommen, sondern nur die Individualsportarten bis maximal zum Viererbob. Mannschaftssport ist eine eigene Welt, aber eine große Nummer, die die Deutschen lieben.

Das Interview führte Günter Klein

Artikel 9 von 11