London – Fußballer können ganz schön eitel sein, wie will man es ihnen verdenken? Sie sind junge Burschen, sportlich, werden in die Glamourwelt gezogen – da schaut man auf sein Äußeres. Dennoch ist bei Sami Khedira nicht klar, warum er neulich via „Twitter“ den Designer eines Computerspiels verspottete. Es sei ja schön, dass den Machern seine langen Haare so gefallen, schrieb er über sein virtuelles Ich, er trage aber schon seit zwei Jahren kurz. War es nun Eitelkeit? Oder wollte er nur einfach etwas klarstellen? In aller Sachlichkeit.
Auch wenn sich Sami Khedira vor Jahren mit seiner damaligen Freundin, Germanys Next Topmodel Lena Gercke, für Titelblätter in Szene setzen ließ, ist er generell eher als der nüchterne Geselle bekannt. Und dass es einem stinkt, wenn es so aussieht, als sei er mit seinem Wechsel von Real Madrid zu Juventus Turin vor zwei Jahren in Vergessenheit geraten, ist nachvollziehbar. Zumal es Sami Khedira nicht gerecht wird. Bei Joachim Löw genießt der Mann auch nach dem Ende seiner fünf Spielzeiten bei den „Königlichen“ höchste Wertschätzung. Als der Bundestrainer gestern über seine Unverzichtbaren für die WM im nächsten Sommer sprach, gehörte auch der 30-Jährige zu dem erlesenen Zirkel. Khedira, Manuel Neuer, Jerome Boateng und Mats Hummels seien Spieler, die den Jungen bei einem Turnier etwas geben können und in gewissen Situationen helfen, so der Bundestrainer. Heute gegen England werde entweder Khedira oder Hummels die Kapitänsbinde tragen.
Während Löw gegen die Briten links hinten ein Experiment wagen wird, indem er den Debütanten Marcel Halstenberg in die Startelf beordert, wird das zentrale Mittelfeld einem Langzeittest unterzogen. Sieben Mann rangeln um die „Sechs“, auf dieser Position wird es zu den größten von Löw angekündigten Härtefällen kommen, wenn es daran geht, den 23er-Kader für Russland zu bestimmen. Toni Kroos, Khedira, Leon Goretzka, Sebastian Rudy, Ilkay Gündogan, Julian Weigl und Emre Can – wen soll man da bitte zuhause lassen? Jeder hat gute Argumente für ein Ticket für die Russlandreise.
Khedira vergessen da vielleicht viele, doch das ist ein Trugschluss. Bleibt der Mann, der es seit 2009 bisher auf 72 DFB-Einsätze gebracht hat, frei von Blessuren, wird er in Russland dabei sein. Zumal er in den vergangenen Wochen bei Juve gerade eine Wiedergeburt erlebt hat. Mit einer Entzündung im Knie musste er im Spätsommer passen, er fehlte daher auch bei den jüngsten Länderspielen in Nordirland und gegen Aserbaidschan – aber dann feierte er mit einem Dreierpack beim 6:2 über Udinese seine Rückkehr zu alter Stärke. Drei Treffer in einem Spiel der Serie A, das kommt nicht oft vor. Um sich das vor Augen zu führen, muss man nur wissen, dass vor Khedira gerade einmal drei Deutschen das gleiche Kunststück gelungen ist. Jürgen Klinsmann, Oliver Bierhoff und Miro Klose. Alles Stürmer, wohlgemerkt.
Entsprechend wurde Khedira in der Presse gefeiert. Die „Gazzetta dello Sport“ lobte einen „Superhelden mit Radar“, der „Corriero dello Sport“ fand, das Spiel des defensiven Mittelfeldmanns sei „mörderisch“. Der Klub selbst verfasste eine Mitteilung, extra zu Khedira. „Das Wort, das es auf den Punkt bringt, ist ,Charakter’ – denn nur, wenn man davon tonnenweise hat, kann man eine Partie wie diese gewinnen“. Khedira sei „das Großhirn, auf das Trainer Massimiliano Allegri nie verzichtet, wenn er nicht muss. Denn er ist der, der das Gleichgewicht herstellt. Der einfach auf dem Feld stehen muss, nichts weiter“, schrieb die „Republicca“.
So verhält es sich auch bei Löw. Der Bundestrainer verzichtet auf den Turiner allenfalls, wenn er es muss. Und Sami Khedira nimmt den Kampf um die „Sechs“ gerne auf: „Das sind alles tolle Jungs, die mich zu Höchstleistungen pushen.“ Wie er aussieht, gerät so schnell sicher nicht in Vergessenheit.