London – Die Briten sind um eine markige Wortwahl ja nie verlegen, schon gar nicht, sobald es um Fußball geht. Das Stadionmagazin zum Länderspiel am Freitagabend zwischen Gastgeber England und Weltmeister Deutschland in Wembley verkaufte die Partie unter der griffigen Schlagzeile „The Acid Test“, wörtlich ist das „der Säure-Test“, was viel ekliger klingt als das altbackene deutsche Pendant „Härtetest“. Es wurde aber ein fader Säuretest, bei dem die zweite Reihe der DFB-Auswahl ihre WM-Reife schuldig blieb. Am Ende segelten Papierflieger auf den heiligen Rasen des Wembley-Stadions. Die Partie war weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben.
Joachim Löw nutzte das erste von vier prominent besetzten Freundschaftsspielen vor der WM im kommenden Sommer in Russland erneut für eine Versuchsreihe. Seine Stammkräfte Mats Hummels, Mesut Özil und Joshua Kimmich waren auf dem Spielberichtsbogen in der Anfangsformation schnell herausgefiltert, neben dem Trio sollten vor allem Jungspunde wie Timo Werner, Leroy Sane, Antonio Rüdiger und Debütant Marcel Halstenberg eine Reifeprüfung ablegen. Dazu bekam Rückkehrer Ilkay Gündogan die Chance, sich gleich beim Comeback zu beweisen. Am Dienstag in Köln gegen Frankreich, vor allem aber im WM-Jahr bei den Tests gegen Spanien und Brasilien dürfte Löw eher seine Favoriten für die Startelf bei der WM in Russland ausprobieren.
Der Bundestrainer hatte die Briten im Vorfeld als ätzenden Gegner gepriesen, er reiht die „Three Lions“, deren Nachwuchs dieses Jahr sämtliche Titel abgeräumt hat (die U 17 und U 20 wurden Weltmeister, die U 19 feierte den EM-Titel) sogar in den Kreis der Mitfavoriten beim Turnier in Russland ein. Den Beweis blieb der Gastgeber in Wembley weitgehend schuldig, allerdings hatte Gareth Southgate auch eine Unmenge an namhaften Absagen zu verkraften. Deutschlands zweite Auswahl gegen die britische Reserve, es holperte verständlicherweise entsprechend. In die Pause gingen die Teams mit einem 0:0, das dem Niveau der Partie entsprach.
Die Deutschen hatten ihre besten Gelegenheiten in der ersten halben Stunde, als Sane ein astreines „Wembley-Tor“ (in dem Fall eindeutig nicht drin) fabrizierte und er, Werner sowie Draxler eine Dreifachchance vermasselten – sie scheiterten der Reihe nach an Torwart Jordan Pickford, einem Verteidiger und den Tormaßen, Draxler schoss drüber. Werner entwischte später noch einmal, traf aber erneut nur Pickford. Die Briten hingegen kamen in den Schlussminuten vor der Pause auf, Löws Dreierkette leistete sich da drei indiskutable Unachtsamkeiten.
In der zweiten Hälfte verflachte die Partie zusehends, es gab keine nennenswerten Torraumszenen mehr zu notieren. Die beiden Teams neutralisierten sich – und bewiesen, dass auf beiden Seiten die Besten auf der Bank oder im Krankenstand waren. Die Deutschen blieben in Wembley so blass, wie es das neue Trikot ist – in dieser Partie waren sie nur ein Abklatsch eines Weltmeisters, und immerhin ist das ja die Messlatte, sowohl beim Blick auf das dem Outfit des Siegerteams von 1990 nachempfundene Shirt als auch auf den Coup vor vier Jahren in Rio.
Löw brachte im Verlauf Emre Can für den enttäuschenden Draxler, den glücklosen Werner ersetzte Sandro Wagner. Der Hoffenheimer hatte im Vorfeld für das größte Ausrufezeichen aus deutscher Sicht auf dieser London-Reise gesorgt: „Wenn ich in Wembley zehn Tore gegen England schieße, weiß ich trotzdem, dass ich kein Stück cooler bin als jemand, der für die Müllabfuhr arbeitet.“ Eine bemerkenswerte Selbsteinschätzung. Und beim Länderspiel nun gegen England war keiner cool. Es war alles eher, wie prophetisch von den Machern des Stadionmagazins angekündigt: Ein bisschen ätzend.