Runter vom Gas

von Redaktion

Boateng gönnt sich die Pause beim DFB bewusst, weil er aus seiner „finsteren“ Verletzungszeit gelernt hat – einer seiner Trostspender: Heynckes

München – Der Gesprächspartner Jerome Boateng ist nicht unbedingt dafür bekannt, ohne Punkt und Komma los zu plappern. Zwar hat sich der 28-Jährige auch in diesem Punkt in den letzten Jahren enorm entwickelt, aber ein Thomas Müller, der ist er eben nicht. Boateng nimmt sich Zeit, die Sprachgeschwindigkeit sollte aber nicht darüber hinweg täuschen, dass er ein Mann ist, der viel zu erzählen hat – und wenn es nötig ist, auch kein Blatt vor den Mund nimmt.

Da verletzte Spieler beim FC Bayern ja keine Interviews geben, hatten sich bei Boateng, als er in dieser Woche in der „Süddeutschen Zeitung“ sprach, einige brisante Themen angestaut. Seit nunmehr eineinhalb Jahren plagt sich der eigentliche Abwehrchef des FC Bayern mit Verletzungsproblemen. Die zurückliegende Periode bezeichnet er als „finstere Zeit“, zumal er „viele Jahre fast nichts hatte, und dann kam alles plötzlich mit Vollgas“. Zwei Muskelbündelrisse, eine Schulter-OP, danach gravierende Oberschenkelprobleme: Zuletzt in Topform, sagt Boateng, war er im Viertelfinale der EM 2016. Danach gab es Spiele, in denen er sich zwischen zwei Verletzungen „wie in einem anderen Körper“ gefühlt habe.

Beim Länderspiel gegen England war Boateng am Freitag nicht dabei. Eine Entscheidung, die gemeinsam mit Bundestrainer Joachim Löw getroffen wurde. Er will, so sagt er, „nicht gleich wieder in die nächste Verletzung reinrennen, davon habe ich zuletzt wirklich genug gehabt“. Der Innenverteidiger habe gelernt, sich „Pausen zu nehmen. Also nicht mehr zu sagen: Okay, ich bin jetzt seit einem Tag offiziell wieder fit, also los geht’s – sondern eher zu sagen: Ich bin jetzt fit, und jetzt baue ich noch mal zwei Wochen auf, bevor ich wieder spiele.“ Zu schnell zu viel wollen: Das will er „nie mehr machen“.

Ein Paradebeispiel für Spieler, die aus Verletzungspausen kommen, ist Holger Badstuber. Der Ex-Bayer ist mit jedem Rückschlag menschlich gewachsen – und auch Boateng merkt man an, dass er reflektiert hat. Er sagt, es sei „interessant“ gewesen, „welche Leute nur da sind, wenn es einem gut geht – und welche nicht“. Mit Jupp Heynckes zum Beispiel habe er stets Kontakt gehalten, manch andere – aus Führungsetage, Spielerkader, Umfeld, Fans und Medien – hätten sich eher abgewandt.

Dass Heynckes wieder sein Trainer ist, gibt Boateng Auftrieb. Diesem Mann, sagt er, „will man was zurückgeben“. Anders ist das bei Vorgänger Carlo Ancelotti gewesen. „Seltsam“ war die Situation, in der der Italiener unter anderem Boateng vor seinem letzten Spiel als Bayern-Trainer in Paris gesagt habe, dass er nicht spiele: „Die betreffenden Spieler waren geschockt.“ Man darf davon ausgehen, dass die Worte, die Boateng danach an die Klubbosse richtete, ausnahmsweise mal aus ihm heraus sprudelten. hanna raif

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