40 Jahre Fallrückzieher

Das große Fußballformat

von Redaktion

Ein Jubiläum steht an, danke an das Deutsche Fußballmuseum in Dortmund, dass es uns mit einer Sonderausstellung darauf aufmerksam macht. 40 Jahre ist es her, dass Klaus Fischer ein Kunststück vollführt hat, das das Museum als „Mutter aller Fallrückzieher“ würdigt. Demnächst jährt sich folglich zum 40. Mal auch, dass wir in der Schulturnhalle die Weichbodenmatte (die vom Minitrampolinspringen, die normale wäre zu hart gewesen) auslegten und uns an einer Simulation versuchten.

Flanke Rüdiger Abramczyk, dann dieses Abheben von Klaus Fischer, von dem wir noch wussten, dass er aus Zwiesel stammte, gelernter Glasbläser war und nicht ganz unschuldig im Bundesligabestechungsskandal von Anfang der 70er. Fischers Klaus lag in der Luft, sekundenlang, die Augen in den Himmel gerichtet, die Rückenpartie zeigte zum Rasen, die Beine holten zum Scherenschlag aus, der Ball rauschte in den Winkel. Wie Fischer landete, darauf achtete man nicht; es muss aber gut gegangen sein, denn nach dem Tor vollführte er katapultartige Jubelsprünge. Dieser Treffer wurde Tor des Monats November, Tor des Jahres 1977, Tor des Jahrzehnts, Tor des Vierteljahrhunderts. Dumm nur, dass der Schalker Fischer diese Vorlage des Schalkers Abramczyk in Diensten der deutschen Nationalmannschaft verwertete – wieder kein Titel für S04 also.

Ein älterer Kollege in unserer Redaktion bringt Uwe Seeler als Begründer des Fallrückziehers in die Nostalgie-Diskussion ein. Wir youtuben – und tatsächlich: 1960 gab es ein Uns-Uwe-Kunststück. Allerdings: Es war ein aus dem Sitzen resultierender Rückzieher. Situativ genial, trickreich. Doch bei Klaus Fischer kam die Urgewalt dazu, es war ein Flugrückzieher. Das Wort „Fall“ vermittelt ja eher Passivität, das Fehlen der eigenen Antriebskraft, im Fall ist Energie bereits verpufft, man baut ab.

Ein Tor wie von Klaus Fischer – und er erzielte noch ein paar mehr dieser Art – würde die Leute heute noch von den Stadionsitzen reißen (mittlerweile gibt es ja auch viel mehr Sitze als 1977, da hatten wir noch riesige Stehplatzblöcke). Es gibt einen berühmten Zlatan-Ibrahimovic-Flugrückzieher von außerhalb des Strafraums – doch das ist der Punkt: Im Sechzehner herrscht zu dichtes Gedränge, wer hat noch den Raum (und auch die Zeit), sich in eine Ballbahn so zu werfen, wie es Fischer tat?

Die modernen Trainer mögen keine langen und hohen Bälle, schön ist nun die Kurzpassstafette, und wenn’s noch ein Extra geben darf, dann den Abschluss mit der Hacke mit dem Rücken oder im 90-Grad-Winkel zum Tor. Der Klaus-Fischer-Flugfallrückzieher ist ein zu großes Format für den Fußball geworden.

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