München – Eine Woche ist es nun her, da produzierte das Eishockey einen Aufreger. Eine Szene, die hässlich war und für emotionale Reaktionen sorgte. Stattgefunden hat die Diskussion innerhalb der Szene und da vor allem in den sozialen Netzwerken. Die großen und klassischen Medien hat sie nicht erreicht – auch weil alle unmittelbar und am Rand Beteiligten, zumindest auf deutscher Seite, versuchen, das Thema in Vergessenheit geraten zu lassen.
Was war geschehen? In der Champions Hockey League war vorigen Dienstag Termin für die Rückspiele im Achtelfinale, die Adler Mannheim traten bei Brynäs Gävle in Schweden an, eine 2:3-Niederlage aus dem Hin- und Heimspiel lastete auf ihnen. Lange führten sie 1:0, damit wären sie in die Verlängerung gekommen. In der drittletzten Minute glich Gävle aus, Mannheim nahm daraufhin den Torhüter vom Eis, doch fing sich den zweiten Gegentreffer ein. 1:2 stand es, das erste Match dazugerechnet 3:5, es blieb nur noch eine knappe Minute, Mannheim war de facto ausgeschieden. Das Spiel hätte ausklingen können, man wäre mit Shakehands auseinandergegangen. Es gibt schlimmere Szenarien als in der CHL ein Viertelfinale zu verpassen. Das tut nicht weh, das Abschneiden in der nationalen Liga ist wichtiger.
Doch es passierte allerhand – so viel jedenfalls, dass die Disziplinarkommission der Champions League gegen drei Mannheimer Sperren aussprach: gegen Thomas Larkin, Niki Goc und Trainer Sean Simpson.
Der Hauptakteur war Thomas Larkin, 26, in Italien geboren, ausgebildet im nordamerikanischen Eishockey. Als 19-Jährigen hatten ihn die Columbus Blue Jackets gedraftet, doch in die NHL schaffte es Larkin nicht. 2015 wechselte er nach Zagreb, das damals Mitglied der osteuropäischen KHL war. Im vergangenen Frühjahr wechselte der italienischen Nationalspieler zu den Adlern Mannheim. Leute, die ihn kennen, beschreiben ihn als angenehmen Gesprächspartner, auf dem Eis gilt Larkin als hart, aber nicht als klassischer Enforcer, als Grobian. Auch in der rüpeligen nordamerikanischen Farmteamliga AHL hatte er nie ein dreistelliges Strafzeitenkonto. Seine Bilanz für Mannheim in der DEL diese Saison: 19 Spiele, 16 Strafminuten, harmlos.
Doch in Gävle zeigt Larkin eine andere Seite: 25 Sekunden vor der Schlusssirene fährt er den Brynäs-Star Daniel Paille, einen ehemaligen NHL-Stürmer, über den Haufen. Die Absicht ist offensichtlich, die Wucht erschreckend. Vor allem: Es ist ein „blindside hit“, eine Aktion, die der betroffene Spieler, das Opfer, nicht hat kommen sehen. Es trifft ihn unvorbereitet: Paille knallt aufs Eis, nachdem ihn Larkins Schläger auf Kopfhöhe und bei voller Geschwindigkeit getroffen hat; Pailles eigener Schläger fliegt durch die Luft. Ein Brynäs-Kollege stürzt sich sofort in Rächermanier auf Larkin, es gibt eine Schlägerei. Paille wird vom Eis gebracht.
Und es geht noch weiter: Niki Goc leistet sich einen Check gegen den Kopf eines Schweden, dafür wurde er anschließend für ein CHL-Spiel gesperrt. Gleichermaßen Adler-Trainer Sean Simpson, weil er „keine Kontrolle über seine Spieler“ hatte.
Die CHL sprach gegen Thomas Larkin für sein Vergehen eine Sperre von drei Spielen aus, ein viertes kam automatisch dazu, weil der Mannheimer die zweite Spieldauerdisziplinarstrafe der Saison bekommen hatte. Auf ihrer Website schlüsselte die CHL die Szene in einem Video detailliert auf, zeigte, warum die Aktion Larkins besonders rücksichtslos und gefährlich war. Die Meinungen gehen in eine klare Richtung. „Ein grobes Foul“, sagt DEB-Präsident Franz Reindl. Die deutschen Nationalspieler haben beim Deutschland-Cup den Vorfall diskutiert. Verteidiger Moritz Müller: „Eine grobe Unsportlichkeit. Gut, dass es eine Sperre gibt.“
Für den deutschen Verband und die DEL ist es damit aber getan. Auf Anfrage verweisen beide darauf, dass die CHL „das zuständige Organ“ sei. In Schweden kommt diese Zurückhaltung von deutscher Seite aber gar nicht gut an. Gävles Sportdirektor Stefan Bengtzen wurde in der Zeitung Aftonbladet zitiert: „Das war ein Mordversuch.“ Die Angelegenheit wurde der schwedischen Polizei übergeben. Für seine Gewalttat könnte Thomas Larkin in Schweden sogar ins Gefängnis kommen. Zwei bis sechs Monate.
„In meinen 14 Jahren als Profi hatte ich Gehirnerschütterungen, aber das war der gefährlichste Schlag gegen den Kopf, den ich erlebt habe“, so äußerte sich Daniel Paille. Larkin entschuldigte sich bei ihm – aber nicht persönlich, sondern lediglich über seinen kaum beachteten Twitter-Account. „Es war nicht meine Absicht, eine Verletzung zu verursachen. Ich wollte Druck auf den puckführenden Spieler hinter dem Tor ausüben.“ Mit den Videobildern korreliert diese Darstellung Larkins nicht. Sein Klub-Manager Teal Fowler kündigte am Donnerstag eine Reaktion der Adler auf die Vorfälle an – nach fünf Tagen empörte sich dann Gesellschafter Daniel Hopp über den Tonfall aus Gävle: Der Mordversuchvorwurf sei „üble Nachrede und eine strafbare Handlung“..
In der DEL gelten die CHL-Strafen nicht. Larkin kann spielen, und wohl nicht einmal beim Erzrivalen Schwenningen wird er mit Schmähungen rechnen müssen. Im Wild-Wings-Blog „Der Schwarze Schwan“ wird Larkin sogar verteidigt: In hundert Jahren Eishockey habe es weltweit nur 20 Sperren über 20 Spiele und mehr gegeben, „eine sogar für den „in Deutschland hoch angesehenen Tom Kühnhackl. . . Deshalb: Plädoyer gegen die Hysterie. Runterkommen.“ Günter Klein