Rendezvous mit Beigeschmack

von Redaktion

Das Duell mit Frankreich weckt unschöne Erinnerungen – und ist vor allem für Löw ein Prüfstein

Köln – Der deutschen Nationalelf böte sich hier in Köln bereits die nächste Schifffahrt an. Nachdem sie am Samstag über die Londoner Themse gedonnert ist – in Schnellbooten, Toni Kross merkte gestern an, das sei nicht jedermanns Sache gewesen –, logiert sie in der Domstadt am Rheinufer. Nur wenige Meter sind es vom Foyer zum Fluss, aber man ist ja zum Arbeiten hier, nicht zum Vergnügen. Heute (20.45 Uhr/ARD) steht das letzte Länderspiel dieses Jahres an. Es ist zwar nur eine Testpartie, dennoch ein besonderer Kick. Der Gegner Frankreich steht für ein Rendezvous mit Beigeschmack. Die Begegnung weckt keine schönen Erinnerungen.

Vor zwei Jahren wurde das Duell der beiden Nachbarländer in Paris von Terrorattacken überschattet. Die Erinnerungen kämen immer wieder einmal hoch, verriet Joachim Löw gestern, dennoch sei das Erlebte verarbeitet. Er fühle sich in Stadien weitgehend sicher, sagte der Bundestrainer, der sich aber lieber den sportlichen Facetten der Begegnung widmete. In diesem Punkt steht der Nachweis der Aufarbeitung noch aus. Das 0:2 im EM-Halbfinale gegen die „Equipe Tricolore“ war die letzte Partie, die die DFB-Auswahl verloren hat. 20 Mal lief man seitdem auf. Löw verbat sich den Ausdruck Revanche, er verwies zurecht darauf, dass „wir uns dieses Halbfinale nie mehr zurückholen können“. Für ihn selbst ist diese Partie dennoch ein Prüfstein. Nach dem EM-Aus stand er in der Kritik wie nie zuvor. Testspiele haben ja immer einen untergeordneten Charakter. Gute zehn Monate vor dem WM-Start wird aber nun genauer herangezoomt, ob der Bundestrainer die Defizite der EM tatsächlich ausmerzen konnte.

Man habe jetzt „eine Vielzahl an Spielern, die mehr den Abschluss suchen und in die Tiefe gehen“, sagte Kroos, als er auf das größte Manko der EM angesprochen wurde. Er nannte Timo Werner, doch die Wahrheit ist, dass die Abschlussschwäche auch in der WM-Qualifikation ein lästiger Begleiter der DFB-Auswahl war. Beim 0:0 am Freitag gegen die Briten kritisierte Löw zudem einmal mehr das lahme Umschaltspiel in der zweiten Halbzeit: „Wir müssen daran arbeiten, unsere Offensive besser in Szene zu setzen“. Der Auftrag wird gegen die Franzosen schwerer umzusetzen sein als am Freitag in Wembley. „Sie sind gefährlicher als die Engländer“, weiß der Bundestrainer.

Sami Khedira und Kroos rücken in die Startelf, um die Spitzen zu bedienen und die hochklassige Offensive der Gäste auszubremsen. Zudem erhält Kevin Trapp im Tor eine Bewährungschance. Man merke ihm nicht an, dass er bei Paris St. Germain derzeit keine Spielpraxis bekommt, sagte Löw, „wir haben bei ihm ein gutes Gefühl – und er kennt ja die Franzosen“.

Der Bundestrainer wirkte nicht so, als würde er sich Sorgen machen, dass das „lange Jahr, das so lief, wie wir uns vorgestellt haben“, unschön enden könnte. Vielleicht beschwingt ja die Aussicht aus dem Hotel: Direkt am anderen Ufer erhebt sich der stattliche Dom.

Als sich Löw verabschiedete, stibitzte er noch einen Keks am Buffet. Gegen den Beigeschmack, sicher ist sicher.

Artikel 1 von 11