Über Federer ins Halbfinale

von Redaktion

Mit einer 2:1-Jahresbilanz gegen den Schweizer im Rücken winkt Alexander Zverev beim ATP-Finale der große Schritt

von doris henkel

London – Vieles lässt sich erklären in diesem Spiel. Wenn einer auf die Dauer besser aufschlägt, große Chancen konsequenter nutzt oder grundsätzlich mehr Variationen zu bieten hat, dann ergeben sich daraus unübersehbare Vorteile. Aber so eindeutig ist die Sache selten, und manchmal wird innerhalb einer Minute aus Flut Ebbe und aus Ebbe Flut. So war es, als Alexander Zverev sein erstes Spiel beim Turnier der besten acht des Jahres in London gewann; es hatte ausgesehen, als sei er nach gutem Beginn auf dem Weg in die Niederlage gegen Marin Cilic, er wirkte ein wenig müde, und es schien ihm nichts mehr einzufallen, um das Unheil aufzuhalten. Aber zu den besonderen Fähigkeiten der Besten gehört das Gespür für den Moment, in dem der Gegner einen halben Schritt zurückgeht. Cilic machte diesen halben Schritt zurück, Zverev gewann mit ein paar guten Punkten Zuversicht, und schon floss das Wasser in die andere Richtung. Einfach so, ganz schnell.

Vielleicht wird er sich in 15 Jahren ebenso an dieses schwer zu erklärende Spiel erinnern wie sich Roger Federer an seinen ersten Auftritt beim Masters anno 2002 in Schanghai erinnert (was heute die ATP Finals sind, hieß damals Masters Cup). Er war 21 Jahre alt, hatte noch keinen Grand-Slam-Titel gewonnen und war stolz wie Oskar, zum ersten Mal im Kreis der Elite mitspielen zu dürfen. Im ersten Spiel besiegte er jenen Mann, der heute zum Trainerteam von Alexander Zverev gehört – Juan Carlos Ferrero – und schaffte es bis ins Halbfinale.

Das sei damals in Schanghai alles riesig für ihn gewesen, sagt Federer, und genauso ist es jetzt beim jungen Deutschen. Zverev sprach nach der nicht unkomplizierten Premiere von einer sehr speziellen Nervosität, umso größer war die Erleichterung hinterher. „Das erste Match hab ich hinter mir, ich hab’s gewonnen, und das war wahrscheinlich der schwierigste Moment, den ich in der Woche haben werde“, sagt er.

Mal sehen, ob das so stimmt. Heute Abend (21 Uhr MEZ) im Spiel mit Federer geht es schon um einen großen Schritt Richtung Halbfinale; gewinnt Zverev, kann er sich gute Chancen ausrechnen, am Wochenende im blauen Wunderland der O2 Arena noch dabei zu sein, verliert er, wird die Entscheidung auf die letzten Spiele seiner Gruppe am Donnerstag vertagt.

Aber es sind ja nicht nur besondere Spiele, die besondere Maßnahmen erfordern. Weil er während der Partie gegen Cilic nicht das gleiche, gute Gefühl für den Ball hatte wie in den Tagen zuvor beim Training, legte Zverev danach in der leeren Arena noch eine Spätschicht ein und schlug eine halbe Stunde lang Bälle mit Ferrero. An der Seite stand der Rest des Teams – sein Vater Alexander, Fitnesscoach Jez Green und Physio Hugo Gravil und alle sahen so aufmerksam zu, als könnten sie das Gefühl, von dem die Rede war, sehen. „Mit Juan Carlos habe ich immer einen unglaublichen Rhythmus“, sagt Zverev, „das wollte ich einfach wieder haben.“

Die nächste Trainingseinheit stand gestern Nachmittag auf dem Programm, Federer verabschiedete sich zum gleichen Zweck in einen anderen Teil der Stadt. Begegnet sind sich die beiden in diesem Jahr immer wieder. Zum ersten Mal Anfang Januar beim Hopman Cup in Perth, als Zverev ein intensives Spiel in drei Sätzen jeweils im Tiebreak gewann, beim zweiten Treffen im Juni in Halle, als er nicht den Hauch einer Chance gegen den Schweizer hatte und schließlich im Finale des Turniers von Montreal im August, als Federer zum zweiten Mal in diesem Jahr gegen Zverev verlor, dabei allerdings schon sichtlich unter Rückenproblemen litt, die ihn dann eine Weile bremsten.

Federer sagt, nach dem Sieg im ersten Gruppenspiel gegen den Amerikaner Jack Sock gebe es jetzt nur noch eines: Mit Volldampf voraus. Zverevs aktuelle Form könne er schlecht einschätzen. „Ich habe ihn zu wenig gesehen in letzter Zeit. Aber wenn’s gut bei ihm läuft, dann läuft es super perfekt.“ Aber es ist ja mehr als das. Die Kunst besteht bekanntlich nicht darin, Partien zu gewinnen, in denen alles wie am Schnürchen läuft. Alexander Zverev kann ganz bestimmt besser spielen, als er es bei seinem allerersten Auftritt in der ausverkauften O2 Arena tat. Gerade deshalb zählt der Sieg gegen Marin Cilic in gewisser Weise doppelt; er könnte die Anschubkraft für die letzten Spiele des Jahres sein.

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