Nakiska/München – Keine Frage, auch Felix Neureuther war bestürzt. „Solche tragischen Nachrichten machen mich unendlich traurig. Ich wünsche der Familie ganz viel Kraft! Wir werden Dich immer in unserem Herzen behalten mein Freund“, schrieb Neureuther bei Facebook. Wie dem jungen Vater erging es auch den Kollegen: Der Tod des französischen Ski-Rennläufers David Poisson, der am Montag bei einem Trainingssturz auf der Abfahrtsstrecke im kanadischen Nakiska ums Leben, traf die Szene ins Mark.
Poisson (35) war beliebt, sie nannten das Kraftpaket den „Stein“. Nun erinnert er seine Kollegen daran, wie gefährlich der Sport auch für die härtesten Kerle ist. „Die gesamte Ski-Familie ist tief schockiert“, teilte der Deutsche Skiverband mit. Als „niederschmetternd“ empfand US-Superstar Lindsey Vonn, selbst schon häufig genug gestürzt, die Nachricht. Die Schweizerin Lara Gut schrieb: „Dein Lächeln wird uns fehlen.“
Michel Vion, früher selbst Ski-Rennläufer und heute Präsident des französischen Verbandes, bezeichnete den Tod von Poisson als ein „Desaster“. Zugleich sagte er: „Die Abfahrt ist gefährlich und riskant, aber in den letzten Jahren haben wir realisiert, dass sie gefährlicher ist als die Formel 1. Wir zahlen einen hohen Preis.“ Poisson prallte nach seinem Sturz gegen einen Baum. Er hatte zuvor einen Ski verloren.
Poisson war kein Star. Er bestritt 146 Rennen im Weltcup und landete dabei nur einmal auf dem Podium. Aber: Bei der WM 2013 auf der Planai in Schladming nutzte er in der Abfahrt die Gunst der Stunde und fuhr überraschend zu Bronze. In Nakiska, wo er jetzt tödlich verunglückte, bereitete sich Poisson auf die ersten Speed-Rennen der neuen Saison vor, sie sollen am 25. und 26. November im kanadischen Lake Louise stattfinden.
Die Franzosen trainierten in Nakiska, Schauplatz der alpinen Wettbewerbe bei den Olympischen Winterspielen 1988, unter anderem mit den Schweizern. Wie der Schweizer Verband mitteilte, hätten die eidgenössischen Fahrer um Weltmeister Beat Feuz und Patrick Küng den Unfall und die Bergung „aus nächster Nähe verfolgen“ müssen.
Die Schweizer Zeitung Blick zitierte einen Augenzeugen: Poisson sei kurz vor dem Ziel der Olympia-Abfahrt bei etwa 100 km/h ausgerutscht und durch Fangnetze hindurch „in den Wald hineingeschossen“. Rund eineinhalb Stunden lang, so der Augenzeuge, sei erfolglos versucht worden, Poisson wiederzubeleben.
Todesfälle im Weltcup sind selten geworden. Doch im Gegensatz zu den Strecken bei Weltcup-Rennen sind die zu Trainingszwecken genutzten Pisten unzureichend gesichert. Der US-Verband unterhält eine Strecke in Copper Mountain in Colorado, wo derzeit auch die deutschen Abfahrer trainieren. Die Vorkehrungen dort entsprechen fast dem hohen Standard im Weltcup, dort säumen unter anderem sogenannte A-Netze den Kurs.
In Nakiska stehen vor den Bäumen am Pistenrand nur die weniger widerstandsfähigen B-Netze. Allerdings mahnt der deutsche Alpindirektor Wolfgang Maier vor falschen Einschätzungen: „Im Weltcup sind Hunderte Arbeiter über Wochen damit beschäftigt, eine Strecke abzusichern. Es ist völlig unrealistisch zu glauben, dass das für eine Trainingsstrecke wie in Nakiska möglich ist. Diese Perfektion können wir nicht leisten.“
Poisson hinterlässt seine Frau und einen eineinhalb-jährigen Sohn. Erst vor 15 Tage war Poissons Vater an Krebs gestorben.