Fußball-WM ohne Italien

Ruhe vor den Zynikern

von Redaktion

Apokalypse, das ist die stärkste Vokabel, die nun in Italien kursiert. Auch Demütigung und Tragödie, Schande und Verrat sind prominent vertreten, wenn es darum geht, das Scheitern in der WM-Qualifikation zu kommentieren. Weil man auf dem Stiefel zum ganz großen Drama neigt, ist die Rhetorik gewohnt drastisch. Bereits nach dem Hinspiel war der apokalyptische Charakter eines etwaigen Ausscheidens thematisiert worden. Wenn man so will, gingen Gazetten und Fußballer in diesen trüben Tagen also Hand in Hand. Im entscheidenden Moment hatten beide nichts mehr zuzusetzen.

Eine WM ohne Italien, das ist eine Vorstellung, an die man sich erst gewöhnen muss. Große Fußballturniere ohne die Niederlande haben in den letzten Jahren ihre Exotik verloren, und wann immer es Oranje erwischt, branden in Deutschland reflexhaft Heiterkeit und Schadenfreude auf. Dem westlichen Nachbarn hilft es dann auch nicht, dass er für Spielkultur und individuelle Klasse steht oder dass seine Bürger so sympathisch und weltoffen sind. Wer den Schaden hat, bekommt den Spott gratis dazu.

Auch die Italiener kamen in den ersten Reaktionen nicht gut weg. Bei ihnen sind die Motive aber etwas anders. Niemand spielt bei einem großen Turnier gerne gegen die Squadra Azzurra. Mag der nationale Fußball seine besten Zeiten hinter sich haben, mögen die meisten Stadien marode sein und die Sitten auf den Rängen verroht, mag das Titelrennen so langweilig sein wie in Deutschland und der Fußball der Nationalmannschaft dröge und phantasielos – ein Turnierspiel gegen sie ist trotzdem so lustig wie ein Zahnarztbesuch.

Es ist deshalb hierzulande auch ein Hauch von Erleichterung spürbar, dass Schreckensspiele wie im WM-Halbfinale 2006 oder Drahtseilakte wie bei der EM 2016 diesmal nicht drohen. Der Calcio cinico, dieser zynische und eiskalte Sachbearbeiterfußball, der keine Schwäche ungesühnt lässt, wird den Deutschen nichts anhaben können. Trotzdem ist die Vorstellung einer Weltmeisterschaft, bei der die netten Schweden den Platz der unverwüstlichen Italiener einnehmen, kein ungetrübtes Szenario. Beim nächsten Großturnier wünschen wir uns die Squadra Azzurra in einer jüngeren, aufgefrischten Version zurück. Und die Niederlande bitte auch.

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